Ich habe Post für Sie

leiser-ToasterInformation ist schon immer ein Gut gewesen, über das nicht jedermann frei verfügen darf. Das Wissen um spezielle Einzelheiten sichert dem Menschen eine Vormachtstellung. Deshalb muss abgewogen werden, wem man welche Information zukommen lässt. Wenn Zeit und Raum überbrückt werden müssen, sind Übertragungsmedien notwendig. Es beginnt mit Reden, Zeichen wie Wink, Gegenstand, Rauch oder Feuer, und verfeinert sich in Bild und Schrift. Beim direkten Kontakt von Mensch zu Mensch scheint die Gefahr des unbefugten Informationsabgriff gering. Doch schon immer drohte der Horcher an der Wand. Noch schwieriger ist das Absichern der Information bei allen Formen der Fernkommunikation. Wo Übertragungs- und Speichermedien notwendig sind, ist Informationsdiebstahl immer möglich.

Die Kunst des Informationsdiebstahls besteht im Verlocken. Ein erfolgreiches Verlocken kommt ohne technischen Aufwand aus. Es ist zum Bespiel einfacher, einen Menschen durch einen Geschlechtspartner ausfragen zu lassen, als einen Code knacken zu müssen. Oft ist unklar, welche Informationen man preisgeben soll und welche nicht. Das gilt für den privaten Alltag und die Öffentlichkeit. Im Umgang mit den Mitmenschen will man einem Bild entsprechen. Diese Absicht steuert die Auswahl der Informationen, die man übermittelt. Ein Beispiel aus dem Geschäftsleben: Wer eine innovative Idee vermarkten will und dazu einen Geschäftspartner sucht, wird bei den Verhandlungen nicht umhin kommen, einige Informationen preiszugeben. Der andere will überzeugt werden, und wenn es ihm gelingt, viel zu erfahren, dann kann er die Idee vielleicht gänzlich stehlen und selbst realisieren.

Heute Morgen klingelte es lang an der Tür. Nachdem der Türöffner angesprungen war, rief jemand: „Post!“ Und das war falsch. Die Stimmen der beiden Postboten des Bezirks kenne ich. Die Postbotin ruft „Post! Danke!“, als wäre just der Frühling ausgebrochen, und das zu jeder Jahreszeit. Der Postbote ruft mit Aachener Zunge, wobei er das O ganz seltsam betont, – wie in „Toast“. Ich hatte weder Frühling noch Poast gehört. Dann klingelte es an der Wohnungstür, und ein selbstbewusster Mann im gelben Dress wünschte mir einen guten Morgen. Er hatte eine Spickkladde in der Hand, überreichte mir einen großen gelben Brief von der Post und sagte, er wolle mir persönlich den neuen „Postbotenservice“ der Post vorstellen. Ich nahm dankend den Brief, doch er ließ mich die Tür nicht schließen, sondern redete werbeträchtig auf mich ein. Dabei warf er ab und zu einen Blick über meine Schulter und schaute sich um.

Eben klingelte es erneut ganz fordernd. Er stand schon wieder vor meiner Tür und sah, dass er bei mir bereits gewesen war. Offensichtlich suchte er nach einem Hausbewohner, den er heute Vormittag nicht angetroffen hatte. Inzwischen hatte ich die Vertragsbedingungen der Post gelesen. Natürlich ist der neue Informationsabholdienst nicht kostenlos. Für 7,49 EURO wird die frankierte Post abgeholt. Man will auch meine gebrauchten Batterien mitnehmen und gegebenenfalls meinen defekten Toaster entsorgen.
„Sagen Sie“, fragte ich ihn, „nehmen Sie auch Daten mit?“
„Wie meinen Sie das?“
„Sammeln Sie Informationen?“
„Nein“, sagte er leicht betreten.
„Ja, aber in den Vertragsbedingungen steht, dass Sie meine Daten auch an einen Bestellservice weitergeben.“
Er tat ganz überrascht und beteuerte, dass er meine Bedenken teile.

Wenn mein Toaster kaputt geht, muss ich mir einen neuen kaufen. Schön, wenn mir dann sofort die richtige Werbung ins Haus flattert. Drum, liebe Post, auch wenn ihr mir die Postbotin ins Bett legt: Meine Daten gebe ich euch besser nicht.

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