Oje, mein armer Duden

Da-liegt-ein-DudenDer Duden auf der Fensterbank ist kein gutes Zeichen. (Ich weiß, dass meine ungeputzten Fenster auch ein schlechtes Zeichen sind, aber es geht um den Duden, verehrte Kundschaft.) Irgendwann habe ich damit hinterm Fenster gestanden, um ein orthographisches Rätsel bei Lichte zu besehen. Seither liegt das Buch dort, was gar nicht gut ist. Zuvor hatte auf der Fensterbank ein Buch von Bastian Sick gelegen. Und weil’s ein schlechter Kauf war, diente es mir als Abstandshalter, das heißt, ich habe den Titel: „Der Dativ ist schon wieder dem Genitiv sein Tod“ oder so ähnlich vor dem Schlafengehen ins offene Fenster geklemmt, damit’s beim Lüften nicht zufällt. Seit geraumer Zeit ist Sick’s (hehe) Buch verschwunden, worüber ich eigentlich recht froh bin. Allerdings klemme ich offenbar derzeit den Duden ins Fenster, und das ist nicht einem pseudoreligiösen Überwindungsgedanken geschuldet, sondern einfach ein schlechtes Zeichen. Früher wäre mir nie in den Sinn gekommen, einen Duden so schmählich als Abstandshalter zu missbrauchen. Dazu diente ja in letzter Zeit Bastian Sicks albernes Schulmeisterlatein.

Die Entwicklung der Dudenorthographie war viele Jahre eines meiner Studienobjekte. Deshalb besitze ich vom Rechtschreibduden 27 Ausgaben. Woher kommt also diese neue Gleichgültigkeit? Selbst ein unerschütterlicher Optimist kann sich ausmalen, dass der Duden unter der allabendlichen Fensterklemme aus dem Leim gehen wird. Dann wird’s keine Freude sein nachzuschlagen, wie ich zum Beispiel Teichoskopie schreiben soll. Der Link zu Wikipedia zeigt einen Grund, weshalb mir der Duden beinah gleichgültig geworden ist. Meist geht es schneller, im Internet nachzuschauen und dann einen Link zu setzen statt einer Erklärung. Freilich ist das Internet mit Vorsicht zu genießen, weil dort viele Fehler kursieren, wie das Beispiel des dreihufigen Urpferds zeigt. Das habe ich zwar nicht erfunden, doch ich besitze darauf das Internetmonopol.

dreihufiges-Urpferd

Trotz meiner
Bedenken schaue ich immer öfter im Internet bei Wikipedia oder anderswo nach als in einem Wörterbuch. Offenbar machen es viele so, weshalb der Verlag Bibliographisches Institut & F. A. Brockhaus AG. jüngst den gedruckten Brockhaus aufgegeben hat und Neubearbeitungen nur noch im Internet veröffentlichen will. Der Duden wird ebenfalls vom Bibliographischen Institut herausgeben. Eventuell droht ihm ein ähnliches Schicksal. Gedruckte Nachschlagwerke wie Brockhaus und Duden sind zu langsam, werden für unsere schnellebige Zeit zu selten aktualisiert. Die Duden-Neuauflagen erscheinen zwar im Abstand weniger Jahre. Doch wenn dazwischen in der Alltagssprache neue Wörter auftauchen, werden sie von der Dudenredaktion vorerst nur mit Anwendungsbeispielen registriert. Dann kreisen sie in der Warteschleife, um irgendwann in der Neuauflage zu landen. Für Wörter in der Warteschleife herrscht Anarchie, soweit sie orthographische Varianten zulassen. Die Dudenredaktion soll sich übrigens hinsichtlich der Schreibweise eines Wortes an der Gemeinschaft der kompetenten Sprecher und Schreiber orientieren und zusätzlich die amtlichen Regeln anwenden, was nicht immer so getreulich geschehen ist.

Oft hat die jeweilige Dudenredaktion höchst eigenmächtig gehandelt. So war sie besonders in den Auflagen 14 bis 16 von einem kapitalen Teufel des Mutwillens geritten und hat eindeutschende Schreibweisen festgelegt, nach denen niemand gefragt hatte: „Rutine“ (Routine), „Schef“ (Chef) oder „Kontainer“ (Container), um nur einige zu nennen.


Immerhin garantierte der
Duden eine gewisse Kontinuität in der Orthographie, solange er allein amtliche Geltung hatte und „maßgebend in allen Zweifelsfällen“ war. Mit der jüngsten Orthographie-Reform hat der Duden dieses Monopol verloren. Auch andere Verlage dürfen jetzt die Schreibweisen aus den amtlichen Regeln ableiten und im Zweifelsfall interpretieren. Daher weichen die Wörterbücher voneinander ab. Konrad Duden wollte einst das deutsche Kaiserreich von seiner „buntscheckigen Rechtschreibung“ befreien. Bis 1903 hatte jede große Druckerei ihre eigene Hausorthographie. Das gleiche galt für viele Schulen. Daher war Duden von Otto von Bismarck beauftragt worden, das orthographische Chaos zu regeln, womit auch der staatliche Zusammenhalt gefördert werden sollte. Die von Duden und den Buchdruckereiverbänden geschaffene Ordnung bestand gut hundert Jahre. Nun ist die deutsche Orthographie erneut buntscheckig, denn wegen der Verwirrung um die Orthographiereform haben viele Verlage sich wieder eine Hausorthographie zugelegt. Auch die Presseagenturen sahen sich genötigt, eigene Schreibregelungen einzuführen. Im schreibenden Volk kursieren derweil witzige Missverständnisse, zum Beispiel das Doppel-s nach Diphthong, man schreibt fälschlich „Viele Grüsse“ (Grüße), „heissen“ (heißen) oder “ausser” (außer). Andererseits ist mit dem Internet eine Demokratisierung der Orthographie eingetreten. So haben Blogger sich Gedanken gemacht, ob es das Blog oder der Blog heißt. Man sieht beides, und das ist erfreulich tolerant. Verschiedene Schreibweisen gelten zu lassen, tut der Schriftsprache gut. Zu rigide Regeln hemmen die Sprachentwicklung.

All das hat meine Einstellung zum derzeitigen Duden verändert. Da ich jedoch zugeben muss, dass das Blättern in einem Buch wie auch das satte Geräusch beim Zuklappen etwas ganz wunderbar Edles hat, muss ich hiermit eingestehen, dass der Missbrauch des Dudens als Abstandshalter ganz und gar verwerflich ist, wie gut die Gründe auch sein mögen, die ich oben angeführt habe. Wo ist bloß dem Sick sein Buch?

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0 Antworten auf Oje, mein armer Duden

  1. Internetmonopol: Wenn einmal das Internetmonopol total sein wird, was werden wir als Abstandshalter ins Fester klemmen?

    • entschuldigung fürs hereinplatzen, lieber pocemon…: aber ich hatte grad eine spontane idee!:

      am besten, wir klemmen die mitarbeiter der rechtschreib-re-formenden kultusministerien in die fenster, die können dann den aktuellsten stand erläutern und ab und an etwas zum wetter sagen ;)

      … ansonsten wünsch ich dir ein schönes österliches wochenende, für gemüt und erholung.

      viele grüsse, jenne.

      • Tolle Idee, lieber Jenne. Doch ich wette, die würden auch beim Wetter durcheinander rufen und wir müssen doch wieder versuchen, aus Kachelmanns ausufernden Wetterameröllchen die aktuelle Vorhersage herauszufiltern, was mir namentlich im bekifften Zustand nicht gelingen will. Ach nein, das war nur Spasss.

        Frohe Ostertage, wünscht
        Jules

        • jepp.

          …ja, beim herrn kachelmann könnte ich mich auch immer gleich auf die kacheln hauen, da ich jedesmal denke, sein dreitagebart hätte etwas mit gewissen actimelschen energiedrinks zu tun, speziell mit den auswirkungen beim genuss selbiger.

          schönen abend!
          jenne

      • Dein Hereinplatzen ist mir sehr willkommen!

        poc

    • Die Frage, lieber Poc, ist hochaktuell. Viele Dinge ändern sich, und die Verhaltensweisen passen sich an. Wie herrlich waren die Zeiten, als ich mit meiner Dudensammlung holde Damen bezirzen konnte.

      • “Die gute alte Zeit”?

        poc

        • Naja, jede Zeit hat ihr eigenes. Auf die Möglichkeiten des Internets möchte ich nicht mehr verzichten, denn ihm und den Kontakten zu dir und anderen verdanke ich einiges an Produktivität, und ich lerne täglich vieles dazu. Die Damen haben sich sowieso nur selten wirklich für meine Dudensammlung interessiert. Eine Briefmarkensammlung hätte es auch getan.

          • :) )

            Na zu der Zeit wäre ich doch zugerne eine bezirzte holde Dame gewesen die allein amtliche Geltung hat und „maßgebend in allen Zweifelsfällen“ ist ;)

            Philatelisten haben keinen guten Ruf.
            Doch von einem Dudensammler habe ich noch nichts böses klischeehaftes gehört.

            Und wer weiß wem du was gutes tust, wenn du weiter den Duden als Platzhalter dort läßt und der plötzlich auch verschwindet …

            Gute Nacht,
            Juleika

            • Liebe Juleika,

              dann ist ja mir “zu der Zeit” etwas entgangen, trotz der Dudensammlung und obwohl ich kein Philatelist bin.

              Dein letzter Satz lässt mich rätseln, doch das liegt vermutlich an meinem denkfaulen Nachmittagskopf.

              Herzliche Grüße
              Jules

              • Seit geraumer Zeit ist Sick’s (hehe) Buch verschwunden

                Vielleicht verschwindet der Duden ja auch.
                Und vielleicht landet er bei jemandem der darin liest und dann mit diesem neugewonnenen Wortschatz Frauen bezirzt, weil er keine Briefmarken hat …

                Er wird dir dankbar sein und bringt dafür dem Sick sein Geschreibsel – deinen Platzhalter – zurück.

                Wie dem auch sei ;)
                Busserl auf deine denkfaule Nachmittagsstirn,
                Juleika

  2. hallo, lieber jules!

    … also dem sick sein dings ist sicher geni-tief aus dem fenster gefallen.

    jedoch bekommt auch mein gutenbergisch getauftes herz einige beklemmung, wenn ich diese in deinem text “um den deutschen text” zusammengetragenen, und nun einmal tatsächlich existierenden fakten erlese.

    das hat der duden nicht gewollt, sicher auch nicht gutenberg oder bismarck? die dudenschen errungenschaften scheinen zu verblassen, wie die erinnerung an jene beteiligten personen.

    … sicher wird auch bald der osterspaziergang in den empfehlungswebsites diverser reiseunternehmen als last-minute-schnäppchen angeboten.

    schön ist dem so nicht, und ein bundschuh sollte, sich langsam erhebend, den aufstand der lettern koordinieren. obwohl wir wissen: die sprache sollte nicht politisch geregelt werden. ein solches ergebnis nennt sich rechtschreibreform, und jeder verlag wählt sich nun einen gegenkaiser, wenigstens orthografisch!

    nun warten wir alle auf bismarck, die rechtschreibrevolution und den osterhasen…

    viele grüsse und ein fehlerfreies fest. vielleicht findest du einen fensterstopper, der duden jedenfalls gehört in die vitrine ;) er wird selten.

    schönes wochenende, lieber jules, jenne

    ps: ich gestehe, ich bin auch recht wiki-sorglos. das muss sich ändern. schöne dreihufgeschichte :)

    • :) ) Jetzt wo du es sagst, – das klingt plausibel. Ich kann verstehen, dass du als Jünger der Schwarzen Kunst den alten Zeiten orthographischer Sicherheit nachtrauerst. Als noch Korrektoren über die Drucksprache gewacht haben, war das Problembewusstsein hoch und Orthographie wurde geachtet. Allerdings trugen namentlich die Korrekturen zur stetigen Regelverfeinerung bei, was eine Regelwut auslöste, die Konrad Duden zuwider gewesen wäre. Er hatte schließlich viele Doppelformen zugelassen. Die Druckereiverbände haben ihm deshalb zugesetzt, denn die Varianten behinderten den Arbeitsablauf. Darum hat Duden noch den Buchdruckerduden gemacht, den Vorläufer des heutigen Rechtschreibdudens.

      Die verhunzte Reform passt irgendwie in unsere Zeit. Sie kennzeichnet eine auseinanderdriftende Gesellschaft, in der es immer schwerer wird, sich vernünftig zu einigen.

      Übrigens habe ich auch zwei alte DDR-Duden. Ich halte sie in Ehren, denn sie waren gut gemacht.

      Beste Grüße
      Jules

      • den “roten und den gelben DDR-duden” habe ich auch noch, lieber jules. heb sie gut auf, dort sind sogar noch die korrekturzeichen und maschineschreibreglen vertreten.

        … und auseinanderdriften trifft es, wie die faust aufs sehorgan! man sehnt sich nach einem gondwanaland-ähnlichem gefüge, noch vor dem beginn des grossen ausseinanderdriftens. ich vermute, es begann mit dem einführen des ersten deutschen fernsehsenders… hmmm…

        viele grüsse, jenne!

  3. Gibt’s den Duden eigentlich auch als Hörbuch?

  4. “Duden auf der Fensterbank macht Verleger krank”

    Tja, die Rechtschreibung wird inzwischen auch nicht mehr mit Wiki oder Google gesteuert, sondern durch Plug-Ins wie z.B. bei Firefox. Und wenn mir Firefox sagt, ich müsse etwas korrigieren und ich weiß es selbst nicht besser, dann übernehme ich dessen Vorschlag. Doch hin und wieder nehme ich mir den “Publikums-Joker” und frage einfach Google und schaue mir die Ergebnisse an. Die mehrheitliche Schreibe übernehme ich dann.

    Und noch schlimmer geht es bei Übersetzungshilfen im Internet. Da wird bei vielen inzwischen das Denken bei der Übersetzung der Software überlassen. Heraus kommt dann unverständliches Kuddelmuddel. What shall’s … That’s one other Tea-Ma …

    - What watch is it?
    - It’s ten watch!
    - Oh, such much?

    aus “Casablanca”

    • “Publikumsjoker” passt in diesem Zusammenhang wirklich gut.
      Mir ist er fast lieber als eine Steuerung durch Firefox. Welche Regeln liegen ihr zugrunde? Und welche Redaktion pflegt den Wortbestand?

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