Aua, Web 0.0 im Kopf

Weil er sonst keine Beschäftigung hatte, schrieb Bernd Graff, leitender Kulturredakteur der Süddeutschen Zeitung, „Ein Plädoyer für eine Wissensgesellschaft mit Verantwortung“, veröffentlicht in der Wochenendbeilage der SZ vom 8./9. Dezember 2007 unter dem Titel „Web 0.0“. Das Internet mit seinen Foren, Weblogs und den Versuchen des Graswurzeljournalismus sei, so findet Graff, in der Hand von Idiotae. Halbgebildete Laien wollten „aus Idealismus“ oder „weil sie sonst keine Beschäftigung haben – eine Rolle in der allgemeinen Informationsbildung übernehmen.“ Und weiter:

„(…) Sie zerfleddern – wie es gerne auch wir Zeitungsmenschen tun – jedes Thema. Sie tun dies aber oft anonym und noch öfter von keiner Sachkenntnis getrübt. Sie zetteln Debattenquickies an, pöbeln nach Gutsherrenart und rauschen dann zeternd weiter. Sie erschaffen wenig und machen vieles runter. Diese Diskutanten des Netzes sind der Diskurstod, getrieben von der Lust an Entrüstung. (…) Warum aber sollten Menschen, die lediglich neue technische Möglichkeiten nutzen, etwa um ihre Poesie-Alben zu veröffentlichen oder um ihrer Trauer über kaputte Computer Ausdruck zu verleihen, warum sollten diese Menschen Produktionsbedingungen für Medien diktieren und Meinungsführerschaft beanspruchen? Ist die produktive Vernetzung von wandelbaren sozialen Identitäten schon deswegen gegeben, weil jemand ein Chatprogramm anschmeißen kann oder sich in einem Blog wenigstens selbst beweist, dass er ja bloggt, also irgendwie noch lebt? (…)“

Seit Mitte der 90er Jahre hat sich in der Presselandschaft ein enormer Anpassungs- und Fusionsdruck aufgebaut, dem etwa 30 Prozent der fest angestellten Journalisten zum Opfer fielen. Die Presse muss sich die Anzeigenetats zunehmend mit dem Internet teilen. Zudem brechen weite Teile der Leserschaft weg, denn wer in wirtschaftliche Nöte gerät, kann sich kein Zeitungs-Abonnement mehr leisten. Viele Leser beziehen ihre Informationen aus den kostenlosen Online-Ausgaben der Zeitungen. Da wundert es nicht, dass die meisten Printjournalisten im Web 2.0 eine Bedrohung sehen, und in diesem Zusammenhang ist auch Graffs polemisches Lamento zu verstehen.

aufmerksamer BildleserZunächst ist zu fragen, ob denn das Printmedium den von Graff reklamierten Ansprüchen noch genügt. Wirtschaftliche Zwänge führen nicht nur zum Arbeitsplatzabbau in den Redaktionen, sie beeinträchtigen auch die von Graff beschworene Qualität der Information. Der unbearbeitete Abdruck von Material der Presseagenturen nimmt zu, weil Zeit und Personal für eigene Recherchen fehlen. Und immer öfter erliegen Journalisten dem wachsenden Konkurrenzdruck und ergehen sich in sensationsgieriger Berichterstattung und Meinungsmache.

Zu den Printmedien gehören auch die Publikationen der Dreckspresse, und wer in deren Diensten steht, muss sich mit Fug und Recht einen Schmock nennen lassen, einen gewissenlosen Journalisten, für den nur die Auflage seines Blattes zählt.


Bernd Graff schreibt für
eine große und journalistisch gut gemachte Tageszeitung. Das allein berechtigt ihn nicht, auf einem hohen Ross zu sitzen. Er wird nicht bestreiten können, dass der verantwortungsvolle Journalismus häufig dort endet, wo er mit den wirtschaftlichen Interessen eines wichtigen Anzeigenkunden kollidiert oder nicht in die vom Verleger vorgegebene politische Ausrichtung passt. Einem eventuell drohenden Arbeitsplatzverlust begegnet der einfache Redakteur mit dem inneren Zensor. So steht die Freiheit des Journalismus in vielen Fällen nur auf dem Papier.

Wer für eine Zeitung schreibt, wird rasch erkennen, dass die Gepflogenheiten und Machtverhältnisse in der Redaktion ihn zum Stilisieren, Frisieren und Ondulieren von Informationen zwingen, hier zu kleinen Verfälschungen, dort zur einseitigen Gewichtung, Verkürzung oder Unterschlagung von Sachverhalten. Der Journalist bereitet eine nur subjektiv erfahrbare Wirklichkeit für Zeitungsleser auf, und allein diese Tatsache bringt mit sich, dass jede Zeitung neben überprüfbaren Fakten auch fiktionale, dichterische Elemente enthält.

Wie journalistisches Schreiben funktioniert, lässt sich an Graffs hochtrabendem Rundumschlag ablesen. Er ist genervt von einem Medium, das seinen Berufsstand der Informationsoberhoheit beraubt und in seiner Existenz bedroht. Und so lenkt er seinen schrägen Blick und die Aufmerksamkeit des Lesers auf die negativen Erscheinungen dieses neuen Mediums, klagt eine Qualität ein, die ein Medium in seiner Gänze nicht haben kann. Dabei unterschlägt er, dass auch die Zeitung lange Zeit gebraucht hat, bis sich ihre Standards entwickeln konnten. Und er unterschlägt, dass eine ganze Reihe von Printerzeugnissen noch heute diesen Standards nicht genügen, einige sogar bewusst ablehnen, wie am Beispiel der Bildzeitung zu sehen, die sich erst kürzlich voller Hohn über eine Rüge des Presserates hinweggesetzt hat.
und wir wollen es nicht wissen

„Web 0.0“, das ist Betrachtung eines Mediums durch die Abtrittsbrille. Wer das tut, sieht nur Anrüchiges, und das in Mengen. In diesen Topf muss sich der bloggende „Idealist“ nicht werfen lassen und auch nicht, wer „sonst keine Beschäftigung“ hat. Denn unabhängig von den je subjektiven Beweggründen nutzt er ein neues Medium, testet dessen Möglichkeiten aus und erkundet schreibend, gestaltend und lesend publizistisches Neuland. Das ist weit mehr als keine Beschäftigung zu haben, mehr als ein morgendliches Wiederkäuen der Tageszeitung und noch mehr als sich täglich über viele Stunden vom Fernsehen das Gehirn waschen zu lassen.

Natürlich ist zu fragen, welche Standards im Internet gelten sollten. Doch es ist müßig, sie auf alle Erscheinungen anwenden zu wollen. Wer ein Blog als digitales Poesiealbum betreibt, ist außen vor, denn er erhebt damit nicht den Anspruch, die Welt zu benachrichtigen, auf dass sie sich danach richte. Das gleiche gilt für jene, die ihrem Weblog fremdes Material von Youtube oder sonst wo verbreiten, wie man früher Sammelbildchen und Urlaubsdias herzeigte oder wehrlose Gäste zwang, die Plattensammlung anzuhören. Der Unterschied: Der Gastgeber erhebt keine Forderung, sein Blog ist nur ein Angebot, das man übergehen kann, ohne ihn zu kränken. Wer jedoch Informationen sammelt, aufbereitet und verbreitet, wer sich am öffentlichen Diskurs beteiligen will, sollte es mit Verantwortungsbewusstsein und Umsicht tun. Er ist trotzdem wesentlich freier als ein Journalist in den Printmedien, muss keinem Ressortleiter genügen, sich nicht fremden Einflüssen unterwerfen, ist allein seinem Gewissen verantwortlich.

Es bestehe, „meine Lieben“, ein Qualitätsgegensatz zwischen Printmedium und dem Internet, sagt Graff. Was denn sonst? Das Teppichhaus hat zum Beispiel keinen Korrespondenten in der Inneren Mongolei, kann auch nicht darüber berichten, wann und wo in China ein Sack Reis beinahe umgefallen wäre. Als mein eigener und alleiniger Redakteur kann ich mich auch nicht einer so brennend wichtigen Frage widmen wie: „Welcher Promi ist am meisten öko?“ oder der wichtigen „Geschmacksfrage“ von Paris Hilton – Braucht Angela Merkel blonde Strähnen? Schon weil ich diese Sprache so scheußlich wie derlei Themen finde, bleibt mir der Weg in den Qualitätsjournalismus der Printmedien leider verschlossen.

Seltsam, an dieser Spirale des Hirnrisses dreht Graff fleißig mit, denn er gehörte zu den Gründungsredakteuren der Online-Ausgabe der Süddeutschen Zeitung und ist nach wie vor mit ihr beschäftigt. Die Antwort auf das Internet besteht bei der Süddeutschen zunehmend im Web-0.0-Journalismus. Die Online-Ausgabe wird offenbar von Idiotae für Idiotae gemacht. Vielen Dank! Man muss sie nicht lesen.

Trithemius

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