Teestunde (8) – Willfährige Frauen tippen besser

Schriftwelt im AbendrotFrüh sinkt am Nachmittag die Dunkelheit herab, Zeit zu lesen. In der Reihe „Teestunde im Teppichhaus“ erscheinen unterschiedlich lange Bummel durch die Jahrtausende der Schriftkultur, ausgehend von Phänomenen des Alltags. Heute:
Schreibmaschine und Universaltastatur

Wer das 10-Finger-System nicht beherrscht, will gerne glauben, die seltsame Anordnung der Tastatur habe etwas mit der Buchstabenhäufigkeit oder den besonderen Finessen des 10-Finger-Schreibens zu tun. Tatsächlich gibt es aus den Anfängen der Schreibmaschinentechnik verschiedene Anordnungen, die dem Bau der Hand und der Buchstabenhäufigkeit in den jeweiligen Sprachen entsprechen (Ergonomische Tastatur bzw. Idealtastatur).

Durchgesetzt hat sich jedoch ein anderes Prinzip. Die heutige Tastaturanordnung geht auf die Universaltastatur des Waffenherstellers Philo Remington zurück. Dessen erste Schreibmaschinenserie hatte noch eine alphabetische Anordnung besessen. Das Zusammenschlagen und ständige Verhaken der Typenhebel erzwang aber eine Umgruppierung. Auf der internationalen Stenographentagung von 1888 in Toronto gelang es Remington, seine „Universaltastatur“ zum Standard zu erheben. Allein dem regen Geschäftssinn Remingtons verdankt also die schreibende Nachwelt eine Tastatur, bei der sich häufig gebrauchte Buchstaben an ungünstigen Außenpositionen befinden, so dass man beim 10-Finger-schreiben das „a“ zum Beispiel mit dem schwächsten Finger überhaupt, dem kleinen der linken Hand, anschlagen muss.

So ist die Universaltastatur nicht dem Menschen angepasst, sondern verlangt die Anpassung des Menschen an die Mechanik der Maschine. Ungewollt eröffnete Remington damit den Frauen den Einzug in die Bürowelt. In einem Regierungsbericht von 1908 heißt es, die Arbeitgeber würden weibliche Arbeitskräfte wegen ihrer „größeren Wohlfeilheit und Willigkeit“ bevorzugen. Frauen geben sich nicht nur mit geringerer Entlohnung zufrieden, ihre fingerfertigen Hände kommen auch besser mit der schlecht angeordneten Tastatur zurecht als die ihrer männlichen Kollegen.

Mutter muss arbeitenDas Kalenderblatt im Bild oben rechts zeigt den September 1873. Beginnt hier die Emanzipation der Frau?

Die Schreiber schauen skeptisch auf die Tippmamsell, nur der kleine Junge scheint zu begreifen, dass Mutter sich unwiderruflich vom häuslichen Bereich der Berufswelt zugewandt hat.

Das laute Klappern von Tastatur und Typenhebeln wurde bald mit Maschinengewehrfeuer assoziiert, was aber nicht nur am Ruch der Waffenfabrik lag. So beklagt der Buchwissenschaftler August Demmin 1890, die Schreibmaschine werde „an den Grenzen Russlands aber, durch die bekannte Unwissenheit der russischen Beamten als ‚revolutionäres Werkzeug‘ in Beschlag genommen.“ Hier hatten die russischen Beamten anscheinend größeren Weitblick als August Demmin. Die Schreibmaschine sollte die Welt verändern.

Mit zunehmendem Einsatz der Schreibmaschine verdrängen die Tippmamsells die männlichen Schreibkräfte völlig. Die smarten Schreibmaschinenhersteller reagieren schon bald und widmen den Frauen viele ihrer Modellserien: ERIKA, MERCEDES, NORA, GISELA, MONICA, GABRIELE. Heute wirken die Plaketten auf den Schreibmaschinen wie Ehrentafeln für die ersten berufstätigen Frauen. Sie haben sich über die boshafte Universaltastatur mühevoll an das ferne Ziel der beruflichen Emanzipation herangetastet.

aus Süddeutsche ZeitungDas 10-Finger-Schreiben, das Blindschreiben, konnte nur durch stumpfsinnigen Drill eingeübt werden. So hat das Maschinenschreiben etwas geistlos Dummes, wie es einmalig dasteht in der Geschichte des Schreibens. Die Heerscharen von Tippsen in riesigen Schreibsälen, stumm fremde Texte schreibend, taub für die Umwelt dem Diktat aus dem Kopfhörer lauschend und blind in die Tastatur einhämmernd, diesen kafkaesken Alptraum können sich eigentlich nur ausgemachte Frauenfeinde ausgedacht haben.

Die meisten Übungsbücher geben über Sinn und Herkunft der Tastaturanordnung keine Auskunft. Sie folgen der Erkenntnis, dass Reflexion dem Erlernen mechanischer Tätigkeiten abträglich ist. So führt denn auch lange Zeit kein Weg von der Tätigkeit einer Schreibkraft zu der eines Autors. Eine dumme Tastaturanordnung verlangte jahrzehntelang dumme Schreibkräfte. Erst mit dem Schreibcomputer weicht die Trennung von Kopf und Hand. Trotzdem gilt das 10-Finger-System unter Gebildeten noch immer als nichtswürdig; ja die instinktive Ablehnung gegen die Universaltastatur ist groß, und viele rechnen es sich als Vorzug an, nach dem „Adler-Suchsystem“ zu schreiben.

Die Universaltastatur ist ein Beispiel, wie sich einmal eingeführte Systeme selbst erhalten, wenn auch die technische Notwendigkeit längst verschwunden ist. Die Remingtontastatur berücksichtigt mechanische Probleme, die es schon bei der Kugelkopfmaschine nicht mehr gibt, und mit dem Aufkommen der Schreibcomputer erübrigt sich jegliche mechanische Rücksichtnahme. Trotzdem bleibt die alte Anordnung, mit einigen unwesentlichen Änderungen (QWERTZ). Eine Generation nach uns wird sie kaum noch nachvollziehen können, weil Typenhebelmaschinen dann verschwunden sein werden.

Ahnungslos war 2005 auch die Jury von Jugend forscht:
Jugend forscht daneben

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