Teestunde im Teppichhaus (3) – Ich war hier

Teestunde im Teppichhaus02Früh sinkt am Nachmittag die Dunkelheit herab, Zeit zu lesen. In der Reihe „Teestunde im Teppichhaus“ erscheinen unterschiedlich lange Beiträge zu den Bedingungen von Lesen und Schreiben, – ein Bummel durch die Jahrtausende der Schriftkultur, ausgehend von Phänomenen des Alltags. Heute gehts um Ich-war-hier-Marken.

Angeheiterte Japaner waren hierDie Ich-war-hier-Marke ist ein selbstbezügliches Graffito an berühmten oder banalen Orten. Der Ersttäter wählt eine Stelle, hinterlässt seine Marke und stimuliert damit den Nachahmungstrieb.

Dem Nachahmungstrieb erlag auch ein japanischer Tourist, der im September 1991 mit seiner Busreisegruppe das mittelalterliche Rathaus in Rothenburg besuchte und an der Wand des Glockenturms Graffiti in Englisch und Deutsch vorfand. Ermutigt vom Alkohol, den er zum Mittagessen getrunken hatte, schrieb er laut dpa „mit einem dicken Filzstift den Namen der Reisegruppe in englisch und japanisch“ dazu. Daheim in Tokio bekam er Gewissensbisse. Der Zeitung Yomiuri Shimbun offenbarte er seine Untat und schwor Wiedergutmachung. Er werde erneut nach Rothenburg reisen, dem Bürgermeister einen Reuebrief überreichen und sein Graffito entfernen.

Die Ich-war-hier-Marke ist keine neuzeitliche Erscheinung. Bekanntlich hinterließ Till Eulenspiegel an den Orten seiner Untaten das dreiste: „Hic fuit!“ (Hier ist er gewesen!). Auch die Gaunerzinken, von den Fahrenden an versteckten Plätzen angebracht, haben häufig den Charakter von ICH-war-hier-Marken.

Auf Tennessee Williams geht die bekannteste neuzeitliche Ich-war-hier-Marke zurück. In seinem Stück CAMINO REAL (1953) tritt der junge Boxer Kilroy an eine Tafel und schreibt: „Kilroy was here“. Dieser banale Spruch umrundete alsbald den Erdball. Denn „Kilroy was here schrieben die amerikanischen Soldaten an die Abtrittswände in aller Welt“, sagt der Theaterkritiker Georg Hensel. In den 60er Jahren war „Kilroy was here“ auch in Schüler- und Studentenkreisen populär. Die illustrierte Variante zeigt ein Männchen, das versteckt über eine Mauer peilt und dabei die dicke Knollennase über die Mauerkrone hängen lässt. Die Variante „Kilroy/Schäuble is watching you!“ ist eine Anlehnung an „Big Brother is watching you“ aus Georges Orwells Dystopie 1984.
is watching you

Manche Orte werden bewusst zum Absondern von IWH-Marken aufgesucht. Sehr bekannt sind zwei Mauerpfeiler vor den Abbey-Road-Studios der Beatles, die angeblich alle zwei Monate getüncht werden, damit Platz für neue Marken ist.

Ein besonders anrührende und schöne IWH-Marke hinterließ der junge Goethe an der Bretterwand einer Jagdhütte auf dem Kickelhahn im Thüringer Wald. In dramatisierter Form nachzulesen in einem frühen Abendbummel.

Hans Richter, der Chronist der Dadabewegung, berichtet von Kurt Schwitters:

„Wenn er in mein Atelier im fünften Stock (über ganz bürgerlichen Wohnungen) kam, bedeckte er stets die Wände, die Treppenfenster, die Türen über das ganze Gebäude mit Klebezetteln: ‚Tretet DADA bei!‘ oder ‚Anna Blume‘. Er gebrauchte dafür einen Leim, der Porzellan klebt und sich nicht entfernen ließ.“

Im heutigen Straßenbild dominiert eine rudimentäre Ich-war-hier-Marke, das TAG. Tags sind kalligraphisch bemühte Stilisierungen des eigenen Pseudonyms oder eines Lieblingswortes, die mit Filzstift oder Sprühdose in einem Zug geschrieben werden. Ziel ist es, möglichst im ganzen Stadtbereich präsent zu sein. Für Sprayer ist das Tag ein Mittel, einen hohen Bekanntheitsgrad in der Szene zu bekommen. Für alle anderen tendiert der Mitteilungswert dieser neuzeitlichen Großstadtchiffren gegen null. Tags sind Vorboten der tendenziellen Sinnentleerung der Schrift.

Auch Kommentare in Blogs haben gelegentlich den Charakter von Ich-war-hier-Marken. Weil es hier einen eindeutigen Adressaten gibt, haben sie eine kommunikative und sozial integrative Funktion.

Tretet DADA bei!

4. Teestunde

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