Einstürzende Altbauten

In der letzten Nacht widerfuhr mir etwas Seltsames. Gerade hatte ich mich nackt zur Ruhe gebettet, als ich im Zimmer ein knisterndes Rieseln oder ein rieselndes Knistern wahrnahm, das nicht zu den üblichen Geräuschen des Hauses gehörte. Und indem ich noch verwundert in die Dunkelheit horche, fällt aus gut vier Metern Höhe eine der Vorhangstangen herab, stößt hell aufklingend ihr Ende auf die Dielen und begräbt sich anschließend schamhaft unter Gardinen und Vorhängen. Als ich hochfahre, strahlt mich von draußen die Straßenlaterne an, als hätte sie schon lange auf die Gelegenheit gewartet, mich im Bett zu beleuchten. Nun muss ich zugeben, dass der rechte Halter der Vorhangstange seit langem schief aus der Wand hing, denn sie ist dort so porös, dass kein Dübel in ihr halten mag. Herab gefallen war jedoch der völlig unverdächtige linke Halter, was einmal mehr beweist, dass die Vorgänge des Lebens stets komplexer und rätselhafter sind als wir uns vorstellen.

Der Wiener Musiker Martin Kratochwil hat die Musik für die anstehende Lesenacht komponiert und eingespielt. Er schrieb mir, er habe beim Gebäude des Pataphysischen Instituts an rieselnden Putz und herunterfallende Mauerbrocken gedacht. In diesem Sinne stürzte die Vorhangstange natürlich zu früh in die Tiefe, denn die interaktive Lesenacht findet ja erst am Freitag nächster Woche statt. Allerdings habe ich Kratochwils Musik in den letzten Tagen oft gehört und manchmal recht laut. Dass die sphärischen Klänge jetzt schon meine Vorhänge von der Wand herunterholen … – man wird sich vorsehen müssen.

Einladung-zur-Lesenacht03

Vorsicht: Einstürzende Altbauten

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