Abendbummel online – Mit hohlen Augen betrachtet

Ich darf nicht neben die Linien treten

Ach, ihm sei
ja heute so herbstlich, sagte Coster mit matter Stimme. Wobei das Wort „herbstlich“ ein trügerisches Licht auf die Sache werfe, denn es reime es sich nicht nur unzweifelhaft auf „herzlich“, sondern trage mit dem Suffix „lich“ im Anklang unverschämt viel Licht ins duster Gemeinte.

Was denn genau das Gemeinte sei, fragte ich. „Pass auf“, sagte er und sah mich durchdringend an, so dass ich gar nicht recht hinhören konnte, denn ich musste denken: Der berüchtigte Professor der Pataphysik an der Technischen Hochschule Aachen sieht verdammt hohläugig aus. Gut, der Dämmer dieses verfrühten Herbsttages mochte die Sache ein wenig überzeichnen, aber …

„Hör!“, sagte Coster, indem er an meiner Schulter rüttelte, „als ich eben die Straße entlang ging, just vor der Bahnunterführung, und mich gerade über den frühen Einbruch der Abendstimmung wunderte, da glitt mit leise zischenden Reifen ein schwarzer Wagen an mir vorbei. Und indem der düstere Wagen in den Schatten des Brückengewölbes tauchte, flatterte von hinten eine Taube heran, setzte sich übers Wagendach und unterquerte gemeinsam mit dem Auto das Brückengewölbe, in seltsamer Eintracht der Geschwindigkeit, als sei sie wie ein Drachen am Auto angebunden und ihr wilder Flügelschlag der vergebliche Versuch, sich loszureißen. Gleichzeitig jedoch habe ich im Flug der Taube etwas Aggressives sehen können, gleich einem boshafte Versuch, die Wageninsassen zu verfolgen und ihnen zu schaden.

Eigentlich wollte ich ja nur Luftholen, doch Coster herrschte mich an: „Jetzt sag nichts von Hitchcock und den Vögeln, sonst kriegst du was vors Protoplasma!“
„Was ist mit Atmen?“, fragte ich.
„Wozu?“
„Manche tun’s, – eventuell oder vermutlich aus Aberglauben.“
„Jeder Atemzug, den du tust, war einst der letzte Seufzer eines Sterbenden“, sagte Coster, und wie ich mich mit der Hand am Ohr zu ihm vorbeugte, da grinste er und sagte: „War nur Spaß, Trittenheim. Nein, die herbstliche Stimmung ist diffiziler, und das lässt sich am Beispiel der Taube ablesen. Ich weiß nicht, ob sich dein Teppichhändlergemüt ausmalen kann, dass der beschriebene Moment etwas Magisches hatte?“
„Ne, sowas mach ich nicht.“

Coster sah mich mahnend an und fuhr fort: „Gerade das Ambivalente im Flug der Taube, das Unwägbare und im Hinblick auf die tatsächlichen Motive der Taube Rätselhafte, die drohende Gefahr, das alles findest du in der Herbststimmung. Mist, so wird das nichts, dauernd kommen mir die Wörter in die Quere! Wenn ich Herbststimmung sage, hört einer wie du vorrangig „Stimmung“ und schaut, wo er sich einen Jux mit der Welt machen kann. Trittenheim, das herbstliche Weh, von dem du gestern gefaselt hast, ich sage dir, wo es herkommt. Da erwacht etwas Atavistisches in den uralten Teilen unseres Gehirns. Stell dir den ersten Menschen unserer Breiten vor, in einer Welt, die ihn mal freundlich behandelt, mal den schrecklichsten Bedingungen aussetzt. Er hat den Sommer durchlebt und ahnt das Nahen der düstren und kalten Jahreszeit mit ihren Entbehrungen. Wird er durch den drohenden Winter kommen? Oder werden Eis und Schnee sein Herz erstarren lassen? Noch pulst der Sommer in seinen Adern, doch die Nächte sind bereits kalt, und er weiß, er muss den Sommer ziehen lassen wie eine untreue Braut. Verstehst du jetzt? Bedauern, Furcht und leise Hoffnung, das ist der Hauch des Herbstes in deiner Brust.“

„Gehen Sie nach Hause, Coster“, sagte ich. „Schalten Sie die Heizung ein, zünden sie ein freundlich Lämpchen an und kippe Sie sich einen auf die Lampe, das hilft.“

Guten Abend

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