Abendbummel online – schräg dahin

Paarung wirkt auf die Partner

Angenommen in dieser Sekunde geschieht etwas Absonderliches: Die gesamte Welt schrumpft auf das Spurformat H0. Dann kann man natürlich trotzdem nicht in einen Märklin-Waggon einsteigen, denn auch die Modelleisenbahn bleibt ja maßstabsgetreu. Uff, die Welt ist also im Augenblick nur noch ein siebenundachtzigstel groß, und wir haben nichts davon gemerkt, – weil wir, genau, kein Referenzsystem haben. Die Wahrheit ist, in jeder Sekunde könnte unsere Welt schrumpfen oder sich gewaltig ausweiten, und nur ein eventuell gegebenenfalls göttliches Auge könnte die Sache beobachten.

Die Kapriolen der Welt beschränken sich leider nicht auf Größenverhältnisse. Manchmal wird sie auch in sich instabil. Allerdings muss ich zugeben, dass ich mir das jetzt nur ausgedacht habe, weil ich heute offenbar ein bisschen schräg in der Welt bin.

Spätestens seitdem die
Kellnerin mir ihr aufgesperrtes Portemonnaie unter die Nase gehalten hatte, auf dass ich die Zeche einfach reinwerfen sollte wie in einen Klingelbeutel, ohne dass sie die Summe sehen könnte und ob es überhaupt echtes Geld ist, spätestens da war mir der heutige Tag irgendwie seltsam. Möglicher Weise hatte sie sich hinsichtlich Bezahlung einem Gottesurteil unterworfen oder schämte sich, mir wegen eines eventuellen Trinkgelds in die Augen zu schauen, denn verdient hatte sie überhaupt kein Trinkgeld. Eine Weile vorher hatte sie nämlich meinen benutzten Teller weggenommen und nur geschnauft, so dass ich mich selber fragen musste – „Hat’s geschmeckt?“ und – „Ja, danke!“ sagen.

Vorher hatte ich eine Hochzeitsgesellschaft am Rathaus gesehen. Als das Brautpaar die Treppe herabkam, da warf eine dickliche Frau im dunklen Kostüm begeistert Konfetti. Es war hübsch, wie sich aus der Hand der Konfettiwerferin kleine Konfettiwolken davon machten, um über den Marktplatz zu vagabundieren. Ganz offenbar hatte das unbeworfene Brautpaar vergessen, einen kompetenten Zeremonienmeister zu bestellen. Er hätte der Frau gesagt, sie solle sich oben auf der Brüstung postieren, weil an großen Gebäuden unberechenbare Fallwinde auftreten. Vielleicht hätte der Zerominenmeister auch eine andere Brautkutsche gewählt und keinen schwarzen Chevrolet-Kombi mit getönten Scheiben. Zum Glück hatte jemand einen weißen Schleier um die Antenne gebunden. Da sah jeder sofort, das Auto transportiert keine Leichen, sondern ein Hochzeitspaar.

Auf der Krämerstraße hätte ich beinahe selbst dran glauben müssen. Aus einem Modeladen stürzte eine Frau im Shoppingrausch hervor und hätte mich fast mit langstieligen gelben Rosen erstochen. Danach wunderte mich auch der freundliche Mörder im clownesken Frack nicht mehr. Er saß am Fuße des Doms auf einem Schemel, hatte einen buntgeschmückten Bollerwagen vor sich, in dem er Gläser mit selbstgemachtem „Pilgersenf“ feilbot. Da wusste ich endlich, wo die ganzen Heiligtumsfahrt-Pilger abgeblieben waren.

Jetzt erschliest sich auch die Bedeutung der Zahl des Tieres auf dem Haus Nr. 666. Es ist ein Sinnbild für die Ideen des Innenministers Wolfgang Schäuble: Die linke Hausseite symbolisiert die DDR vor der Wiedervereinigung, die rechte Seite die BRD nach der Wiedervereinigung.

Guten Abend

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29 Kommentare zu Abendbummel online – schräg dahin

  1. Ich glaub‘, dieses Aachen muss ich mir irgendwann mal angucken. Die Kellnerinnen dort sind offenbar von besonderem Schlag. Entweder bekommst Du falsche Brötchen auf wurstigen Tellern oder wirst angeschnauft…

    Und das Brautpaar ist nun womöglich direkt zur Senfmanufaktur gefahren worden!

    Ich glaube, das bist gar nicht Du, der da schräg in der Welt steht. Das ist Aachen, das so schief ist; – und Du merkst es nur nicht, weil alles um Dich im gleichen Winkel ins Schiefe geht.

    • Ja, mach das mal, und dann rück die Kellnerinnen grade. Du bekommst auch den Karlspreis.

      Du meinst, in Aachen wird bald Brautleutesenf angeboten? Hoffentlich sind keine Brautschleierreste drin.

      • Den Karlspreis könntest Du mir dann ja ins Portemonnaie schmeißen, dieweil ich die Damen an Dir ausrichte.

        Sag‘ mal: DDR und BRD?
        Meinst Du vielleicht, weil links ein Fahrrad davor steht und rechts ein Auto? 😉

        • Ich dachte, es würd schon reichen, wenn du ihnen Gepflogenheiten der abendländischen Kultur beibiegen würdst. Dann sind sie mir gerade genug. 😉

          Ja, links ein Fahrrad, rechts ein Auto, links nur ein Fenster, das Kellerloch vermauert, rechts darf man durch die Tür ein- und ausgehen. Links nix, rechts die Laterne, also Licht.

          Linke und rechte Hälfte, das ganze Haus Deutschland, leider nach unten hin angepasst, was sogar stimmt, wenn man sich Städte im Ruhrgebiet anguckt. Und wenns so kommt, wie Schäuble und Konsorten es wollen, dann hat das Haus Ohren und geschossen wird auch, wie die Einschusslöcher in der Fassade zeigen. Naja, es ist nur ein Bild.

  2. Naja, obwohl mir das Bildnis vom lyrischen her gefaellt, ist es leider physikalisch nicht haltbar. Man koennte die Veraenderung beim Schrumpfen der Welt messen.
    Daher schliessen ich mich der guten Theobromina an: Aachen steht schief.
    🙂
    -m*sh-

    • Hallo, Sir Physiker, eine Botschaft aus dem schrägen Aachen. Wenn alles schrumpft, schrumpft auch dein Maßsystem. Du bräuchtest ein Maß außerhalb der Welt, und dann wärste abba der liebe Gott.

      • Man hat mittlerweile Massysteme, die auf fundamentalen Konstanten basieren. Wuerde sich da etwas aendern wuerde es ‚plopp‘ machen und das Universum wuerde sich sang- und klanglos verabschieden, weil dann der liebe Gott durch Null dividiert.
        -m*sh-

        • Zum Glück gehts ja nur um ein Gedankenexperiment.

          • Wie gesagt, das Bild an sich gefaellt mir, auch wenn es wissenschaftlich nicht mehr haltbar ist.
            Es gibt noch viel bizarrere Bilder, die verwirrenderweise nicht wissenschaftlich widerlegbar sind.
            -m*sh-

            • Eigentlich hast du mich nicht überzeugen können. Denn wenn Mathematik eine Sprache ist, dann gilt der Satz Wittgensteins: „Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt“, was bedeutet, dass man mit Mitteln einer Sprache nur über die Verhältnisbeziehungen innerhalb eines Systems sprechen, nicht aber logische Aussagen treffen kann, die über die Grenzen des Systems hinausgehen.

              Hinsichtlich deiner Aussage „wissenschaftlich nicht mehr haltbar“, eine Meldung aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung von letzter Woche:

              Ade, Axion

              Im vergangenen Jahr sah es so aus, als hätten italienische Physiker ein bis dahin nur hypothetisches Teilchen, das Axion, tatsächlich beobachten können. Nun gaben sie bekannt, sich vermessen zu haben. Andere Forscher, deren Instrumente keinen Hinweis auf Axionen ergaben, sind erleichtert. Das Axion war postuliert worden, um eine unerklärliche Eigenschaft der sogenannten starken Kernkraft zu erklären.In einer demnächst in den Physikal Review Letters erscheinenden Arbeit haben nun Itzak Bars und Yueh-Cheng Kuo von der Universitity of Southern California dieses Rätsel ohne Axion gelöst. Allerdings nur unter einer gewissen Voraussetzung: Ihre Theorie verlangt die Existenz einer zweiten Zeitdimension.

              Das heißt also, die moderne Physik bewegt sich über den Rand des menschlich Erfassbaren hinaus, postuliert Teilchen, die es nicht gibt oder weitere Zeitdimensionen, und da geht es nur noch um eins: Um Metaphysik oder Glauben, mathematisch vermessen.

              • Hmm, was soll ich jetzt machen?
                Dir die Quantenchromodynamik in allen Einzelheiten erklaeren? Ein wenig Superstringtheory? M-Theory?

                Schaetze, da geht es mir nun wie dem guten alten Fermat – der Platz reicht hier nicht wirklich aus.
                -m*sh-

                • Mein Freund, spar dir die Mühe, denn es ging ja nur um ein Bild. Und wie du selbst weißt, kannst du mir nur Theorien erläutern, für deren Bestand du keine Gewährleistung hast. Was heute gilt, muss morgen nicht mehr gelten, wie das kurze Leben der Axionen zeigt.

                  • Naja, vieles was in der QCD noch bis vor wenigen Jahren als hypothetisches Modell galt, ist mittlerweile experimentell bewiesen. Da hat sich gerade in den letzten zwoelf Jahren verdammt viel getan.
                    Es bestreitet auch kein ernstzunehmender Wissenschaftler mehr die Existenz von mindestens neun Dimensionen (wahrscheinlicher sind jedoch elf oder mehr).
                    Die fundamentalen Naturkonstanten, wie das Plancksche Wirkumsquantum, die Feinstrukturkonstante oder das Verhaeltnis der Masse des Elektrons zum Proton jedoch erlauben es grundsaetzliche Aussagen ueber die Natur des Universums zu treffen, so wie ich es oben tat.
                    -m*sh-

                    • Wir reden ein bisschen aneinander vorbei, denn die Naturkonstanten sind doch Maße, die dem System selbst entnommen sind. „Kein Beobachter kann ein Bezugssystem wählen, aus dem heraus das Licht einen anderen Geschwindigkeitswert annimmt“, las ich gerade bei Wikipedia. Und doch gibt es offenbar den Tunneleffekt, in dem Teilchen schneller als das Licht sein können. Zudem: ist nicht zum Beispiel die Gravitationskonstante nur zu 0,15 % bekannt?

                      Mir scheint, du glaubst an die Fähigkeit der Wissenschaft, von innen über das Außen zu sprechen, und ich glaube es nicht, wie ich auch keiner anderen Religion anhänge.

  3. Gelbe, langstielige Rosen?

    Die Frau ist wohl eifersüchtig, auf andere, denen ein Kleid welches sie im Fenster gesehen hat, paast und ihr nicht. Ihr fehlt das Vertrauen in sich selbst, das Kleid eben eine Nummer größer zu nehmen.

    Das symbolisieren gelbe Rosen nämlich.
    Eifersucht und fehlendes Vertrauen.

    Vielleicht sollte es so sein, dass sie dich fast umrennt.
    Jemanden der sehr viel Vertrauen in sich selbst hat, auch wenn er mal schräg in der Welt ist.

    Normal kann jeder Juls.

    Lieben Gruß,
    Juleika

    • Ja, das könnte stimmen, denn obwohl sie aus einem teuren Laden kam, sah sie nicht besonders froh aus.
      Allerdings hat sie mich auch kaum wahrgenommen, so dass die von dir vermutete Interaktion eher nicht eingetreten ist.

      Was das schräg im Leben sein betrifft, so ist es mir ganz lieb ab und zu, denn es erlaubt einen anderen Blick auf die Welt. Als Dauerzustand wäre es ein Fluch.

      Schönes Wochenende
      Jules

      P.S.: Hast du eigentlich noch keine Post?

  4. Meine Tochter ist am 06.06.96 geboren. Sollte ich mir Gedanken machen? Ich habe immer gesagt, sie ist ein Teufelskerl 🙂

  5. Amüsant ist zu beobachten, wenn sich Weibchen
    in beliebigen Fußgängerzonen die Nasen
    am Brautmodenschaufenster plattdrücken. 😉

    Bei uns im Ort mach es fast jeden Samstag
    TÜÜÜT TÜT TÜÜÜÜÜÜÜT TÜÜT.
    (Brautpaar mit Autokolonne)
    Ich denk mir dabei meist:
    Am Traualtar sind es Goldringe.
    Beim Scheidungstermin dann Augenringe. 😉

    • „Augenringe“? Da kann ich mitreden. Ja, und ich denk bei Brautpaar-TÜÜÜT TÜT TÜÜÜÜÜÜÜT TÜÜ und auch wenn ich Schwangere sehe, es gibt verflixt noch immer Optimisten.

  6. Tim

    Oft denkt man wirklich, dass das Referenzsystem fehlt. Es fehlt echt. Dein heutiger (so gelungener) Eintrag erinnert mich irgendwie (entfernt) an Terry Pratchett und manche seiner Bücher über die Scheibenwelt.

    • Tja, damit müssen wir dann wohl leben. Zum Glück bietet der Mitmensch manchmal so etwas wie ein Referenzsystem.
      Von Terry Pratchett habe ich zwar schon oft gehört, doch noch nichts von ihm gelesen.

      • Tim

        Lies doch mal was von ihm, einfach so zum Spaß.
        Mein Vorschlag für dich:
        „Wachen! Wachen!“, oder „Trucker, Wühler, Flügel“.
        Als billige Paperbacks und in jeder Bibliothek erhältlich.

        Zugegeben, diese Titel klingen trivial und wirklich nicht einladend. Betrachtet man dann noch dazu die (hässlichen) Cover-Illustrationen und Kladdentexte, fühlt man sich (als älterer Mensch) noch viel mehr abgestoßen. Aber es lohnt sich wirklich, muss ich zugeben…

        Ich lese deine Abendbummel ja schon lange, obwohl ich eigentlich fast nie kommentiere (und bei dir, beim sehr späten 1. Versuch, noch dazu einen Ausrutscher hatte). Manches finde ich ganz toll, anderes verschließt sich mir völlig, bin ich gänzlich anderer Meinung. Aber so ist es – wir sind beide nicht mehr die Jüngsten und wissen inzwischen: ganz verschieden sind wir Menschen.

        Trotzdem denke ich, wie ich dich aus deinem Blog zu kennen meine, dass Dir diese Lektüre (ziemlich sicher?) ein ganz besonderes Vergnügen bereiten könnte…

        • Bei Gelegenheit will ich mal in die Bücher hineinschauen, die du mir empfohlen hast. Woher jedoch weißt du, wovon ich „älterer Mensch“ mich abgestoßen fühle?

          Es wäre ziemlich langweilig, wenn alle Menschen stets der gleichen Ansicht wären. Solange man etwas lernen will, ist es gut, auch andere Meinungen zu hören. Der Austausch von Argumenten erweitert den Horizont, wenn’s gut kommt. Allerdings muss man diese Ansichten auch gewahr werden können.

          • Tim

            „wovon ich… mich abgestoßen fühle?“

            Bei uns Menschen (denke ich) spielt das Äußere zwar eine Rolle, aber das Innere (über)strahlt ja auch nach außen. Bücher haben das nicht. Die Pratchett-Bücher bekamen leider (meine ich) ein sehr hässlich-billiges Äußeres verpasst, das sie, beim Bummeln und Stöbern in Buchgeschäften, in die Schublade „triviale Teener-Literatur“ drängt, sodass es mir normalerweise nie eingefallen wäre, sie in die Hand zu nehmen und darin zu blättern (geschweige denn, sie zu kaufen und zu lesen). Was sie wirklich nicht verdient haben… Da ich dies auch schon von anderen (Gleichaltrigen 🙂 hörte, habe ich einfach mal so vorausgesetzt, dass es bei dir auch so sein könnte…

  7. Pingback: Zerschellte Gläser, ein Sack Reis und Spurweite H0

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