Abendbummel Online – Von Acapella bis Wilja

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Drei Euro für eine „Folienkartoffel mit Dressing“ auf dem Weihnachtsmarkt sind ein stolzer Preis. Es wird wohl die Kartoffelsorte „Edelstein“ gewesen sein. Zum Glück habe ich aufgehört, die Preise in DM umzurechnen.

Ein Dr. Steinberger vom Bundessortenamt verzeichnet einige hundert zum Verzehr zugelassene Kartoffelsorten. Bei der hier hat er wohl zwei Augen zugedrückt, bzw. er hatte vielleicht gerade einen Schnupfen und schmeckte nichts. Die Leute auf dem Land nennen solche Knollen „Schweinekartoffeln“.

Man muss das milde betrachten, es geht auf dem Weihnachtsmarkt nicht um lukullische Genüsse, sondern um das glitzernde, duftende und tönende Ambiente. Gegen den Dom hat man ein dichtes Spalier aus übermannshohen Weihnachtsbäumen gestellt, die Musik tingelt „Jingle bells“, über den Rotweinständen hängt das Raunen der Glühweinseligen, gutgelaunte Pulks mit Weihnachtsmützen oder Elchgeweihen drängen die anderen amüsierwilligen Bummelanten voran. Und zwischen all dem Schubsen und Drängen zu den Füßen ein kleiner weißer Pudel in ständiger Lebensgefahr.

Vor dem Rathaus steht die Holzbude der Kalligrafin. Sie hat Lesefrüchte auf allerlei Untergründe geschrieben. Da gab es viel zu lesen, und am Ende wusste ich genau, was …

„Liebe ist …“

Diese Sorte Spruchweisheiten ist eigentlich zu nichts zu gebrauchen. Denn entweder liebt man richtig oder man liebt nicht. Wer so einen Spruch kauft, ist sich seiner Sache nicht sicher und hängt ihn zu Hause auf, damit er’s nie mehr vergisst.

Die heilige Inbrunst beim kalligraphischen Schreiben hörte spätestens in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert auf. Weite Bevölkerungsschichten erlernten das Schreiben, da wurde es rasch profan. Nur bei den Urkunden ist der Kalligraph noch ein gefragter Künstler. Alles andere ist Kunsthandwerk Auch beim Schreiben ist der Mensch ein großer Banalisierer.
Das Magische der Schrift ist verschwunden. Jetzt reicht die Wertschätzung gerade mal zu Kalendersprüchen auf dem Weihnachtsmarkt.

Wir gehen dann lieber wieder nach Hause. Aus der Mauerstraße ertönte zorniges Hupen. Da stand einer mit seinem Auto in einer Parkreihe und hatte einen am Straßenrand geparkten Lieferwagen vor sich. Ich blieb auf der Straße stehen und zeigte dem verhinderten Autofahrer, dass er Platz zur anderen Seite hatte und versuchte ihn zu lotsen. Er aber gestikulierte aufgebracht hinter seinem Steuer, dass er ja in die andere Richtung wolle.

Der Kerl hätte sich
nur die Mühe machen müssen, um das Hindernis herumzufahren. Stattdessen hupte er weiter, denn er war ja im Recht. Da ließ ich ihn in seinem Elend allein. Seine Frau hatte vielleicht schon die dampfenden Kartoffeln auf dem Tisch. Doch er konnte leider nicht pünktlich kommen, denn er musste sich die freie Fahrt nach rechts ertrotzen.

Es ist eine große Verwirrung in manchen Köpfen. Da hilft auch kein kalligraphisch gemaltes Schild mit „Liebe ist …“

Guten Abend

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