Plausch mit Frau Nettesheim – "Träumen Androiden von elektrischen Schafen?"

Frau Nettesheim

Trithemius
Uff, Frau Nettesheim, bis gestern hing ich noch in den Seilen, denn die Lesenacht war doch ziemlich anstrengend.

Frau Nettesheim
Sind Sie mit dem Ablauf Ihres 2. Internet-Experiments zufrieden?

Trithemius
Die Wanderer bildeten eine schöne und gut gelaunte Gemeinschaft, und wir hatten unterhaltsame Stunden. Allerdings war die Wanderung auch strapaziös. Sollte ich nochmals eine Lesenacht veranstalten, würde ich sie kürzer halten.

Frau Nettesheim

Dann dürften Sie Probleme haben, eine Geschichte zu entwickeln. Schließlich haben Sie diesmal auch zwei Lesenächte benötigt, um sie rund zu bekommen.

Trithemius
Ja, darüber mache ich mir Gedanken. Jemand anderes hat sich auch Gedanken gemacht, wofür ich ihm dankbar bin, denn so kann ich einige Dinge erläutern. Careca hat mir einen Link zum Blog „Die giftige Stadt“ geschickt. R–the_blitz (27) rezensiert dort in Dialogform u. a. die „Wanderung ins Jahr 21346“.

(…) Positiv fand ich die zahlreichen Verweise auf die deutsche Geschichte: ‚Preußischblau‘, ‚1848‘, und die Nummer mit den Türmen war originell. – Gutenberg kam auch noch vor. – Ja, es wurde dann teilweise auch ´n bisschen überstrapaziert, und es war auch nicht frei von diversen Trivialitäten: „Mir fuhr es heiß in den Sack“, hieß es da an einer Stelle. – Und die Frau mit dem halben Ortschild? – Ja, das war wieder perfekt, Geschichte literarisch umgesetzt.

Zunächst zu Gutenberg. In vielen meiner Texte schreibe ich über Gutenberg. Mit seiner Erfindung beginnt die Neuzeit. Sie veränderte das Denken der Menschen wie keine andere Erfindung. Darauf hat als erster der Kommunikationswissenschaftler Marshall McLuhan hingewiesen. Wenn man unsere Kultur verstehen will, muss man sich mit Gutenberg und seinen Folgen beschäftigen. Natürlich ist es schwierig, das im Rahmen einer kurzen Erzählhandlung zu tun. Doch schon der Semiotiker Umberto Eco hat in „Der Name der Rose“ das Prinzip verfolgt, „was man nicht allgemein beschreiben kann, davon soll man erzählen.“

Frau Nettesheim
Eco hat 650 Buchseiten benötigt, um vom mittelalterlichen Denken und Handeln zu erzählen.

Trithemius
Da kommt das zweite Problem der Lesenacht auf den Tisch. Doch zunächst zum Vorwurf der angeblichen „Trivialitäten“. Die Binnenerzählung vom Bischof von Maastricht zeigt eine fiktive Welt, die etwas Mittelalterliches hat, weil auch das Drucken verboten ist.

Das Mittelalter war zuweilen eine lustbetonte Zeit, in der Sexualität sehr offen ausgelebt wurde, z.B. in den Badehäusern, wo es absolut zügellos zuging. Daher spricht der Ich-Erzähler so drastisch. Andere Zeiten, andere Sitten. Deshalb ist es keine „Trivialität“, sondern literarisch notwendig.

Frau Nettesheim
Und das zweite Problem?

Trithemius
R–the_blitz schreibt:

(…) Allerdings fehlten mir ansonsten so´n bisschen die Bösewichte. (…) Den Episoden würden einige zwiespältigere Gestalten gut tun, um das Licht am Ende heller erstrahlen zu lassen. (…)

Das Problem ist, auf so engem Raum, verschiedene Charaktere zu entwickeln. Die anfängliche Reisegruppe besteht aus Coster, den beiden Sportlern, Nebenmann und dem Ich-Erzähler Trithemius. Der Charakter Coster ist in der 2. Lesenacht stärker herausgearbeitet, er spielt eine tragende Rolle. Die drei anderen bleiben etwas zu blass. Der Text war schon jetzt zu lang. Hier noch einen Bösewicht einzuführen, wäre kaum möglich gewesen. Es war auch nicht die Intention des Textes.

Frau Nettesheim
Coster und der Bischof in der Binnenerzählung haben ja etwas Schräges. Und wenn Sie die Binnerzählung weiter führen würden, wäre auch Platz für einen richtigen Bösewicht.

Trithemius
Ja, aber es ging nicht darum, sondern u.a. um Dystopien und Utopien:

(…) Es wurde dort auch gesagt, dass niemand mehr Utopien hätte. Wie steht es damit? – Kann ich nicht unterschreiben. Das Internet, oder heute das ‚Internet 2.0‘ etwa, in dem wir alle veröffentlichen, gründete anfangs doch auch allein auf einer Utopie weniger.(…)

Was das Internet betrifft, stimme ich ihm zu. Die Demokratisierung der Information ist ein gewaltiger Fortschritt. Wikipedia z.B. ist eine wunderbare Angelegenheit. Das Internet 2.0 bietet die Möglichkeit, Utopien zu verwirklichen und neue zu entwickeln. Solche Ansätze benötigen eine breitere Öffentlichkeit. Und dafür, Frau Nettesheim, setzen wir beide uns doch auch ein, oder?

Frau Nettesheim
Und was sagen Sie hierzu?

(…) Ja, aber erfunden hat er das Prinzip Lesenacht nicht, obwohl manche hier so tun, das hab ich anderswo im Net schon perfekter gesehen. – Nein, aber – was erwartest Du auch? Das Schreiben an sich lässt sich ja nicht plötzlich neu erfinden.

Trithemius
Das ist Pausenhof-Rhetorik.
Habe ich wo woanders perfekter gesehen? Wenn man so etwas sagt, muss man den Beweis auch antreten. Ein Bespiel aus der Antike: Ein Prahlhans behauptet, er sei auf Rhodos höher gesprungen als ein gerade geehrter Athlet. „Hic Rhodos – hic salta!“ ist die Erwiderung, das ist: „Hier ist Rhodos, hier springe!“
Das hätte er sich sparen können, denn ich habe nicht behauptet, Perfektion bieten zu wollen. Zufallselemente sind sogar Bestandteil des Konzepts.

Ein letzter wichtiger Punkt:

(…) der Trithemius-Text ist auch an Science-Fiction angelehnt. – Ja, speziell an Stanislaw Lem. (…) Aber Du kennst doch ‚Blade Runner.‘ – Ich weiß, das gibt´s auch als Roman, den las ich aber nie. (…) Das Genre ist trivial, genau wie Fantasy oder Horror –.

Es ist ein typisch deutsches Problem, SF als Trivialliteratur abzutun. In angelsächsischen Sprachraum existiert diese klare Trennung zwischen U- und E- Unterhaltung nicht. Gerade Stanislaw Lem hat sich in vielen theoretischen Texten mit diesem Problem auseinander gesetzt. Aus guter SF sind schon immer nützliche Ideen für die Menschheitsentwicklung gekommen, und die Dystopien von Huxley und Orwell sind uns heute noch eine Warnung.

Wenn man nur den Film „Blade Runner“ kennt und nicht seine literarische Vorlage von Philip K. Dick: „Träumen Roboter von elektrischen Schafen?“, kann man schlecht etwas zum Roman bzw. zur Gattung sagen. Gerade Dick war ein Visionär, denn er hat die in Zukunft anstehende Frage thematisiert, ob man Maschinen mit eigenem Bewusstsein, die äußerlich und in ihren Gefühlen nicht von Menschen zu unterscheiden sind, menschliche Rechte zugestehen soll.

Frau Nettesheim
Sie sind aber streng.

Trithemius

Nur in der Sache. Ich finde gut, dass R–the_blitz sich die Mühe gemacht hat, die Lesenacht ein wenig zu rezensieren. Es ist ein Anstoß zur Erläuterung und zur Diskussion. Also, deshalb: Vielen Dank, für die kritisierenden wie die lobenden Passagen!

Dieser Beitrag wurde unter Teppichhaus Intern abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

56 Kommentare zu Plausch mit Frau Nettesheim – "Träumen Androiden von elektrischen Schafen?"

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.