Abendbummel Online – Über Formen, sich mitzuteilen

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Die Stimmung eines späten Herbstnachmittags hat immekeppel heute geschildert. Deshalb kann ich gleich zur Sache kommen. Im Herbstlaub fand ich einen Zettel. Er lag auf dem Bürgersteig einer stark befahrenen Straße, die je zweispurig links und rechts eines ausgedehnten Grünstreifens verläuft.

An der dem Lousberg zugewandten Seite steht eine stattliche Zeile alter Patrizierhäuser. Dort hatte im letzten Jahr zum Ende November ein Zettel an einem Laternenmast geklebt, auf dem die Nachbarschaft in eines der Häuser zum Adventsingen eingeladen wurde. Es ist beeindruckend, dachte ich, dass sich in einer anonymen Stadt spontane Netzwerke bilden.

Einen Moment spielte ich mit dem Gedanken, einmal hinzugehen, obwohl ich leider kein Nachbar war. Man darf jedoch eine schöne Idee nicht zu ethnologischen Studien missbrauchen. Ich kann ungefähr singen, doch ich glaube nicht, dass mir unter fremden Leuten unbekannte Adventslieder von den Lippen fließen.

Bei den Patrizierhäusern lag gestern dieser Zettel im Buchenlaub. Ich stieg vom Rad und kam mir dabei vor wie mein Freund Nebenmann, der früher mit seinem alten Seitenwagengespann an jeder Schraube oder Schraubenmutter anhielt, um sie mitzunehmen.
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Die handgeschriebenen Zeilen zeigen einen ausgerägten künstlerischen Gestaltungswillen. Die Großbuchstaben B und D haben schwungvolle große Bögen. Die Buchstaben wirken hübsch, und es ist ein ansprechender Kontrast zwischen den Großuchstaben, den Kleinbuchstaben mit Oberlänge und jenen im flachen Mittelband. Die Schrift hat sich völlig vom barocken Formenballast der erlernten Ausgangsschrift gelöst und einen eigenständigen Charakter.

Die Handschrift ist seit Anfang des 20. Jahrhunderts durch die Schreibmaschine zunehmend verdrängt worden und damit aus dem öffentlichen Leben verschwunden. Schreiben mit der Hand ist Privatsache geworden. Eine fremde Handschrift zu sehen hat inzwischen etwas Intimes.

„43004 Kostenstelle Beus“
meint wohl einen Zählerstand. Jedenfalls lag am gestrigen Donnerstag bei Deko Art Gestaltungsmaterial zum Abholen bereit. Bleibt zu hoffen, der Verlust des Zettels hat die Abholung nicht verhindert, damit zum Adventsingen von der Decke des Musizierzimmers goldene Sterne baumeln.

Heute sah ich auf dem Münsterplatz einen Mann gestikulieren. Ich dachte noch, der arme Kerl, was hat der für schreckliche psychische Probleme. Dann drehte er sich aufgeregt um und ich sah, dass er ein Handy am Ohr hatte, was natürlich nicht ausschließt, dass sein Gemütszustand trotzdem kritisch war. Sein Privates vor allen Leuten auf dem Markt auszutragen, hätte man vor 20 Jahren nicht fertiggebracht. Das Adventsingen hingegen fiel damals leichter.

Mit der Hand zu schreiben ist heute privater als zu telefonieren. Was der Mann gesagt hat, konnte ich zum Glück nicht hören, denn ich schaute ihm aus dem Café heraus zu. Man muss zugeben, es ist irgendwie erfreulicher, einen handgeschriebenen Zettel im Buchenlaub zu finden, auf dem ein sorgfältiger Mensch mit Sinn für Ästhetik sich selbst eine Nachricht geschrieben hat.

Guten Abend

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