Plausch mit Frau Nettesheim – Was ist schon ein Fehler

Trithemius
Manchmal habe ich Lust, mich völlig partikulären Dingen zu widmen, Frau Nettesheim.

Frau Nettesheim
Und das wäre?

Trithemius
Den Tippfehlern zum Beispiel.

Frau Nettesheim
Ah, interessant.

Trithemius
Sie Berufsignorantin! Wenn Sie erst einmal meinen Text über Fehler lesen, wird Ihnen das Gähnen vergehen.

Frau Nettesheim
Daran zweifele ich nicht, lieber Trithemius. Sie haben ja auch schon über das Nichts in Texten geschrieben. Ich habe Ihren Lexikonartikel über das Leerzeichen bei Wikipedia gelesen.

Trithemius
Von mir stammt der Abriss über die Geschichte des Leerzeichens. Gestern habe ich bei Juleika ein Bild von Sir Edward Burne-Jones gesehen. Burne-Jones gehörte ja zu den Präraffaeliten, die sich auf die Zeit vor dem italienischen Renaissance-Maler Raffael bezogen. In ihrer Tradition steht auch der Buchkünstler William Morris …

Frau Nettesheim
…der in seiner berühmten Kelmscott-Press die mittelalterliche Buchkunst wiederbelebte.

Trithemius
Warum fallen Sie mir eigentlich in letzter Zeit dauernd ins Wort, Frau Nettesheim?

Frau Nettesheim
Das wissen Sie doch, wir Rheinländer können oft gar nichts dafür, wir sind halt schnell mit der Zunge.

Trithemius
Aha, interessante Information.

Morris jedenfalls wollte, dass seine Buchseiten nicht grau wirkten, sondern prächtig schwarz, weshalb er seine wunderschöne Schrift The Troy Type schuf.

Frau Nettesheim
Jetzt sagen Sie schon, was Leerzeichen und Fehler miteinander zu tun haben.

Trithemius
Ja, Moment, ich muss die Zusammenhänge doch aufzeigen. Morris schimpfte über die Schriftsetzer seiner Zeit, da sie stets zu große Wortabstände setzten, wodurch die Gießbäche entstehen, also „hässliche sich windende weiße Linien im Text“, die das Auge aus der Zeile irren lassen. Deshalb propagierte er, im Notfall ein Wort auch fehlerhaft zu setzen, wenn dadurch zu verhindern war, dass das Gleichmaß der Zeile gestört würde. Der erste englische Drucker William Caxton habe es schließlich auch so gemacht.

Frau Nettesheim
Wenn man bedenkt, dass die prächtigsten mittelalterlichen Handschriften voller Schreibfehler sind, kann man seine Ansicht verstehen, denn er berief sich ja auf die handwerkliche Tradition des Mittelalters.

Trithemius
Ja, und da sind wir beim Thema. Diese allgemeine Beckmesserei wegen orthographischer Fehler geht mir so was von auf den Geist …. Jeder, der mal in einem Duden geblättert hat, glaubt er habe jetzt das Recht, ihn anderen Leuten um die Ohren zu hauen.

Bastian Sick z.B., dieser Entertainer der Schrift, und all die anderen in seinem Kielwasser: eifernde Laien, Dilettanten, Schrebergärtner, Korinthenkacker… Ich lasse mir von niemandem vorschreiben, wie es zu machen ist …

(Trithemius ab)

Frau Nettesheim
Er meint es nicht so.

Dieser Beitrag wurde unter Teppichhaus Intern abgelegt und mit , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

45 Kommentare zu Plausch mit Frau Nettesheim – Was ist schon ein Fehler

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.