Abendbummel Online – Wenn Köche weinen

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Die Welt macht bimm und ich mach’ bamm, dachte ich noch, als eine Frau mittleren Alters die Arme hochwarf. Sie saß hinter dem Steuer eines Autos, auf dessen Motorhaube ich hätte Platz nehmen müssen, wenn ich nicht rechtzeitig höflich angeklopft hätte.

Die Gestik des Menschen ist manchmal vielsagend. In diesem Falle bedeuteten die hochgeworfenen Arme: „Ja, musst du denn ausgerechnet die Straßeneinmündung überqueren, wenn mein Auto mir befiehlt, ich soll fahren? Außerdem bin ich nachtblind und konnte dich demgemäß kaum sehen. Also reg dich nicht auf, du lebst ja noch.“

Noch einmal von vorn. Frühe Dunkelheit kann gefährlich sein, doch sie bietet auch hübsche Anblicke, die man bei Tageslicht niemals hat. Es gibt Geschäfte, die ich nur betrete, wenn man mich am Ärmel hineinzerrt. Auf diese Weise lernte ich zum Beispiel alle wichtigen Schuhgeschäfte großer Metropolen kennen und eben jene geheimnisvollen Läden, die einer wie ich freiwillig nicht betritt, bei früher Dunkelheit aber bis in den hintersten Winkel betrachten kann.

Ein Modegeschäft, nicht viel
größer als mein Schlafzimmer, in dem eine wohlbeleibte Dame vor dem Spiegel posiert, während die Verkäuferin ihr fürsorglich die Weste über die Hüftpolster zieht. Ein Friseurladen wie ein Schlauch, dessen Friseurstühle so weit hinten stehen, dass ich mich dort glatt auf eine Rasur niederlassen könnte, obschon mein Kinn auf der Straße noch blank gewesen war.

Auch sah ich einen türkischen Friseur, der die Ohren seines Kunden anzündete, was mich wieder mit dem Menschheitsrätsel konfrontierte, warum die Haare auf den Ohren wachsen, wenn sie auf dem Kopf ausfallen. War es irgendwann im Laufe der Evolution nötig, dass bei älteren Männer die Gehörgänge zuwachsen?

Im Chinarestaurant saß am Tisch der einsame Koch und las aus Langeweile in der Peking-Rundschau. Das erinnerte mich an Görlitz, wo ich einmal mit einem Kollegen am Abend essen wollte. Wir fanden kein Lokal mit Gästen, weshalb wir uns vor der Görlitzer Gastronomie ein bisschen fürchteten. Am Ende betraten wir trotzdem eines der leeren Lokale, und auf dem Gang zur Toilette sah ich den Koch in der Küche, wie er den Kopf in die Hand stützte und auf die Anrichte weinte. Das freilich ist eine Abweichung vom Thema und ein wenig überzeichnet.

Frühe Dunkelheit gewährt Einsichten, die man bei Licht nicht haben kann. Wie die Frau aus dem Engelladen sich zum Beispiel einen Mantel überzieht, weil ihr trotz aller Heils- und Lichtbotschaften, die sie verhökert, kalt geworden war. Der Händler im Lichtenberg-Antiquariat steht mitten im Raum und lässt sich von einem Buch fesseln. Gewiss war es eines der Sudelbücher Lichtenbergs, die leider kaum einer noch liest.

Das kleine Reisebüro fand ich bei Sparbeleuchtung verwaist. Den Rest des Weges versuchte ich das zu bedichten und dabei den naheliegenden Reim „verwaist – verreist“ zu vermeiden. Ich kam nicht zu Rande damit, denn leider musste ich noch in den öden Supermarkt, wo ein geschniegelter BWL-Student in der Kassenschlange sein Handy am Ohr hatte und die Aktienentwicklung eines Unternehmens analysierte.

Verfickt, ich wollte mich an der Romantik kleiner Läden erfreuen und nicht von Geschäften hören.

Guten Abend

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