Mir war kalt, ich war allein und verwirrt

Gemütlicher Stress

Zu den kuriosen Möbeln unserer Zeit gehört der Fernsehsessel. Obschon gewiss bequem, suggeriert die Werbung, was der Sessel nicht zu leisten vermag. Der Mensch anspannt sich nicht beim Fernsehen, sondern reagiert auf die vielfältigen optischen und akustischen Reize mit Stresssymptomen. Seine Pulsfrequenz beschleunigt sich und sein Blutdruck steigt an. Der Körper gerät in Aufruhr, denn Fernsehen fordert gelegentlich eine starke innere Beteiligung, wenn man sich beispielsweise einen Actionfilm anschaut. Man nimmt ein aufregendes Geschehen war, doch eine angemessene körperliche Reaktion wie Flucht oder Eingreifen ist bleibt aus bzw. ist nicht möglich.

In der menschlichen Evolution ist der Fernsehkonsum nicht vorgesehen. Eine vergleichbare Erfahrung wie das Anschauen von Gewaltszenen hat der Mensch der Frühzeit allenfalls machen können, wenn er gefesselt mit ansehen musste, wie um ihn herum die Mitglieder seines Stammes hingemetzelt wurden.

Noch weniger ist es dem Menschen mitgegeben, angemessen auf interaktive Prozesse im virtuellen Raum zu reagieren.

Das Internet bietet einen intensiv vorgestellten, einen virtuellen Handlungsraum. In dieser Scheinrealität kann man sich als virtuelle Person bewegen. Man spaltet Teile seiner Selbst ab und schickt sie zum Beispiel in eine Online-Lesenacht.

Die Planung
Bei der Planung der Online-Lesenacht habe ich allenfalls geahnt, in welcher Weise die Leserinnen und Leser in das Geschehen eingreifen würden. Deshalb werde ich versuchen zu beschreiben, was aus meiner Sicht in der Lesenacht geschah.

Ich hatte einige Textmodule vorbereitet, um die Pausen zwischen der Veröffentlichung der einzelnen Folgen zu begrenzen. Trotzdem beanspruchte das Einstellen, Formatieren und Überprüfen der Textpassagen viel Zeit, so dass ich kaum Gelegenheit hatte, das Geschehen in den Kommentaren zu verfolgen.

Der Ablauf
Schon zu Beginn der digitalen Wanderung versammelten sich auf der Kommentarebene viele Akteure. Sie bezogen sich in ihren Bemerkungen auf den Text und nahmen untereinander Kontakt auf. Diese Metakommunikation hatte eine enorme Eigendynamik. Sie war zwar vom Text angeregt, neigte jedoch dazu, sich immer wieder zu verselbstständigen.

Anfangs versuchte ich, das Geschehen in den Kommentaren zu verfolgen und war bemüht, Bemerkungen aufzugreifen und in den Basistext der Wanderung einzubauen. Es gab Nachzügler, die erst später eingestiegen waren. Ich war bestrebt, sie zu begrüßen und einzubeziehen.

Gelegentlich geriet ich in Schwierigkeiten, weil Kommentare ein Element in die Handlung einfügten, das ich nicht vorgesehen hatte.

In der Handlung hatte Professor Coster Knieschmerzen und wollte nicht mehr laufen. Plötzlich war in den Kommentaren von einem Rollstuhl die Rede. Auf diesen Rollstuhl musste ich im Basistext eingehen, und ich sorgte mich ein wenig, dass mir der Verlauf der Wanderung entgleiten könnte, so dass vorbereitete Texte angepasst werden müssten oder gar neu zu schreiben wären.

Spätestens gegen 23 Uhr hatte ich nichts mehr vorbereitet und musste ausschließlich Online schreiben. Inzwischen hatte ich aufgegeben, das Tun der Wandergruppe zu verfolgen, sondern schaute nur noch stichprobenartig nach. Ich hatte schlicht keine Zeit mehr.

Die digitale Wandergruppe
Wer auf der Blogplattform einen Text kommentiert, rechnet in der Regel mit einer Antwort. Das ist gute Gepflogenheit und auch ein Akt der Höflichkeit des Angeschrieben gegenüber dem Kommentierenden. Besonders wenn viele Kommentare eintreffen, ist man bemüht, die Aufmerksamkeit gerecht zu verteilen und in etwa adäquat zu antworten.

Wer keine Antwort auf seinen Kommentar erhält, fühlt sich zurückgesetzt und unbeachtet. Hier zeigen sich soziale Prozesse, wie sie auch im Alltag ablaufen.

Die Flut der Kommentare machte es mir unmöglich, auf jeden einzelnen zu achten. Zu meiner Beruhigung bemühten sich die Wanderer umeinander und bezogen einander immer wieder ein, wenn jemand sich allein gelassen oder unbeachtet fühlte. Mir war jedoch klar, dass es nicht immer ausreichen würde. Drei oder viermal griff ich selbst ein, was sich im Nachhinein als Fehler erwies. Denn auf diese Weise bekamen einige meine Aufmerksamkeit, andere nicht. In meiner Not hob ich möglichst viele Teilnehmer auch in den Basistext und hoffte, das würde mein mangelndes Reagieren in den Kommentaren wettmachen. Mindestens in zwei Fällen ist mir das nicht gelungen. Die Dunkelziffer ist gewiss höher.

Soziologische und psychologische Faktoren
Der Basistext war eine nächtliche Wanderung durch eine einsame Eifelgegend, bei kaltem Wind und leichter Schneedecke. Die inhaltlichen Aspekte waren vielfältig und erforderten Aufmerksamkeit, Mitdenken und Miterleben. Liest man einen solchen Text gemütlich in einem Sessel der warmen Stube, besteht ein angenehmer Gegensatz zwischen der Handlung im Text und der realen Umgebung. Man kann diesen Gegensatz genießen, man kann innehalten, zurückblättern und in Ruhe nachdenken.

Bei einem interaktiven Text bewegt man sich lesend und schreibend im virtuellen Raum und steht unter Zeitdruck. Ist die virtuelle Welt zudem kalt und unheimlich angelegt, sind da überdies andere Akteure, die im virtuellen Raum vorauseilen, fühlt man sich plötzlich allein gelassen und gerät in eine bedrückende Stimmung.


Mir war kalt, ich war allein und verwirrt

Dieser Gemütszustand, in den einige gerieten, war nicht von mir beabsichtigt. Ich habe mir die Wirkung vorher auch nicht ausmalen können, habe sie allenfalls geahnt. Offenbar wurde das unangenehme Gefühl durch den Umstand verstärkt, dass namentlich die Männer dieses Problem nicht zu haben schienen. Zumindest erweckten sie nicht den Eindruck. In der Nachbetrachtung der Kommentare ist mir aufgefallen, dass die Personen mir immer authentischer schienen. Die reale Welt bildete sich in der digitalen ab.

Über die unerwarteten sozialen und psychologischen Prozesse der Online-Lesenacht ist noch nachzudenken. Für eine zukünftige Lesenacht will ich Vorsorge treffen. Es ist sinnvoll, für beide Seiten Regeln aufzustellen und sie konsequent zu beachten.

Die Wanderung und die Kommentare
Basistext und Metatext bilden eine Einheit. Sie sind miteinander verschmolzen, und der eine ist ohne den anderen nicht denkbar. Auch sind die beiden Ebenen unabhängig voneinander nicht zu verstehen. Sogar das lesende Nachvollziehen ist fast unmöglich, da man die Kommentare ja im zeitlichen Zusammenhang mit dem Basistext lesen müsste. Hier wäre nur eine Druckfassung hilfreich, in der die Kommentare an der richtigen Stelle im Basistext erscheinen. Man sieht: In diesem Fall ist das Printmedium dem Blog überlegen.

Weil Basistext und Kommentare einander bedingen, sind alle Akteure nun zu Mitautoren der „Wanderung ins Jahr 21346“ geworden.

Das ist ein hübscher Effekt des Online-Schreibens.

Zum Abschluss danke ich allen Mitautoren recht herzlich für diese einzigartige Erfahrung und das schöne Gemeinschaftswerk. Ich habe noch ein wenig nachkommentiert. Was ich am Samstag nicht geschafft habe, habe ich gelassen. Denn es musste ja zeitnah passieren, solange die Eindrücke noch frisch waren.

Gewiss habe ich die Aspekte des interaktiven Lese-/Schreib-Nacht nur anreißen können. Auf eure Meinung bin ich gespannt.

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