Online Lesenacht – Folgen 1 – 14

=> Folge 6

O Gott, wenn ich mir so
anhöre, was in der Gruppe gesprochen wird. Da geht es ziemlich heiter zu. Wenn Coster mitbekommt, dass wir über einen Rollstuhl verfügen, wird er keinen Schritt mehr laufen.

Coster, Nebenmann und ich sind schon früher einmal in der Höhle gewesen.

Wir haben sie zuerst erkundet, durchstreiften einige Gänge und Kammern, und dann wählten wir für unsere Zwecke einen kleinen Saal. In seinem rückwärtigen Teil steigt der Boden stetig bis zur Decke an. Hier krochen wir hinauf und platzierten allerlei Kerzen. Dann brannten wir bengalische Feuer ab und sangen unheilige Lieder.

Coster hatte weiße Farbe mitgebracht, und unter seiner Anleitung versuchten wir uns mit den Fingern in Höhlenmalerei. Dazwischen ertönte immer wieder unser furchtbares »Hattatu!» oder das markerschütternde „Tekilii!». Das furchtbare „Hattatu!“ hatten wir vermutlich aus einem Roman von Edgar Allan Poe, das schreckliche „Tekeliii“ hörten wir eventuell in „Berge des Wahnsinns“, einem Roman von H. P. Lovecraft.

Irgendwann steckte eine junge Frau den Kopf in die Höhle, offenbar die Leiterin einer Jugendgruppe, deren Mitglieder wir vor der Höhle rufen hörten. Verstörten Blickes machte sie sich wieder davon, und ihre Schützlinge nahm sie mit, was sie vor weiterem Unheil bewahrte.

Ich war nicht zufrieden mit meiner Malerei, da ich nur langsam meine Naivität wieder fand. Doch Coster und Nebenmann pinselten mit Hingabe, bis Coster einmal aufsah und die ganze Wand bemalt sah. Da mahnte er, wir sollten gezielter weiterarbeiten und vor allem auf die unergründlichen Zeichen achten, die zweifellos aus unserer Tiefe auftauchen würden.

Wir haben danach
auf den Felsblöcken gehockt und vor uns her gebrabbelt. Coster steckte sich nach und nach Kieselsteine in den Mund und sprach trotzdem weiter. Das hat schon der große antike Redner Demosthenes so gemacht, der ja seinen angeborenen Sprachfehler überwand, in dem er mit Kieselsteinen im Mund gegen die Meeresbrandung anschrie.

Nachdem Coster sich den 7. Kieselstein in den Mund gedrückt hatte, brachten seine Beschwörungen den erhofften Erfolg. Plötzlich betraten wir eine Welt, deren zeitliche Einordnung uns nicht möglich war. Ich vermute, die Welt geriet so krumm, weil ich mit meinen Chiffren an der Höhlenwand nicht einverstanden war.

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