Abendbummel Online – Spirituelle Welten und Akkordeon

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Herr J. wurde gleich ein bisschen ungehalten.

„Das müssen Sie aber langsam wissen“, sagte er und komplimentierte mich zu den Computerterminals hinüber.

„Da war ich schon, und ich habe das Buch auch gefunden. Aber es wird mir kein Standort angegeben.“

„Das kann nicht sein!“, sagte Herr J. fest. „Ich zeige Ihnen jetzt ein für alle Mal, wie das geht. Geben Sie den Titel ein!“

Das tat ich.

„Ach nein, nicht so! Sie müssen erst die allgemeine Suche deaktivieren, sonst sucht der Rechner den gesamten Bestand durch. Klicken Sie auf den grünen Pfeil, und dann stellen Sie TITEL ein!“

Das tat ich auch.

Keine Angaben.

Jetzt sollte ich dies und das machen.

Keine Angaben.

Dann suchte ich, wie ich es ohne ihn schon getan hatte, und während er noch murrte, erscheinen die bibliographischen Angaben. Nur der Standtort wird nicht angegeben.

„Sie haben Recht, da wird kein Standort angezeigt.“

„Sag ich ja.“

„Dann gucken Sie mal im Regal unter dem Autorennamen nach!“

„Hab ich schon.“

„Vielleicht in einem Sammelband!“

„Dann hätte ich Sie nicht gefragt.“

„Ja, dann haben wir das Buch ausgemustert. Es dauert immer eine Weile, bis das System einen ausgemusterten Titel nicht mehr anzeigt.“

So ist es, wenn einem kompetent geholfen wird. Ich hätte noch fragen wollen, wie man dieses wichtige Buch denn einfach ausmustern könne. Da rief er: Meinen Sie den Stänislaw Lem?“

Daraufhin habe ich gar nichts mehr gesagt. Denn wer den polnischen Schriftsteller Stanislaw Lem so ausspricht, als sei er der „Doof“ Stan Laurel, der versteht auch nicht, dass man ein Buch wie „Der futurologische Kongress“ nicht einfach ausmustert. Da ist der Computer irgendwie schlauer als Herr J., und der hat studiert, vermute ich. Immerhin trägt er eine schlaue Brille.
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Ich habe das Buch dann sofort in der Buchhandlung gefunden.
Da standen drei Exemplare im Regal.

Die Sonne schien.
Man konnte in Aachen heute vorm Café sitzen. Ich sah schon wieder Leute im T-Shirt. Andere dagegen trugen Rollkragen und Handschuhe. Sie hatten die Kälte von gestern noch in den Knochen. Just als ich mich mit meinem Tablett draußen an einen Tisch setzte, beendete ein mediterran aussehender Akkordeonspieler seine Pause. Er hatte sein Klapphöckerchen genau gegenüber den Tischen aufgestellt. Und indem er sein Akkordeon zu quälen begann, zog in seinem Gesicht ein strahlendes Lachen auf.

Leider macht mich Akkordeonmusik meistens traurig. Besonders, wenn wehmütige Weisen gespielt werden. Und so erfassten mich bald die Wellen der Sehnsucht.

Wenn du ein Layoutprogramm oder Photoshop benutzt, dann steht dir eine Hundertschaft von Spezialisten zur Seite. Grafiker, Typographen, Fotografen, Retuscheure, Künstler, Schriftexperten, Reprotechniker, Programmierer, sie alle haben ihr Wissen in die Programme einfließen lassen.

Höre ich den klagenden Laut
des Akkordeons, so ist mir, als hätten hundert Spezialisten des Wehklagens dem Erfinder des Akkordeons von ihrer Sehnsucht geklagt. Und dieser Ozean von Wehmut schwappt einem beim Hören der Klänge entgegen. Nur der mediterrane Akkordeonspieler hat gut lachen. Wer die Musik macht, steht über den Dingen.

Dass man spirituelle Welten schließen und einfach wieder neu eröffnen kann, hätte ich jetzt nicht direkt gedacht. Es hat mich ein bisschen erschreckt. Und damit ich die spirituelle Welt nicht vergesse, habe ich sie mir beim Gehen mit dem Kuli in die Hand geschrieben.
Beschreibstoff Haut

Diese Speichertechnik habe ich mir vor langer Zeit von einem Radiosprecher des RTB Mons abgeguckt, mit dem ich damals zu tun hatte, als ich Präsident der deutschen Sektion des Europäischen Diskjockey-Verbands war, die außer mir kein einziges Mitglied hatte.

Das Beschreiben der Haut hat etwas Archaisches und rührt seltsam an. Im Altertum rasierte man einem Sklaven den Schädel, schrieb eine geheime Nachricht auf seinen Kopf, warf ihn ins Loch, bis die Haare drüber gewachsen waren, und dann schickte man ihn als Boten los.

Angeblich soll es im 19. Jahrhundert in Russland Meldehunde gegeben haben, denen man die Nachricht auf eine rasierte Körperstelle schrieb. Bei Menschen hat das Beschreiben der Haut immer etwas von Erniedrigung. Das jedenfalls denke ich, wenn ich die Triathleten sehe, denen man die Startnummer mit Erdding auf den Oberarm geschrieben hat. In einem Videoclip der Band Withe Snake sieht man ein schönes Mädchen hinter die Bühne kommen und das Kleid lüpfen, damit ein Bandmitglied ihm mit Edding ein Autogramm auf die Pobacke schreiben kann.

Schöneres hört man aus Tunesien. Dort schreiben sich Verliebte gegenseitig die Namen in ihre Handflächen.

Allerdings habe ich mich nicht in die Einhorndame verliebt, die die spirituelle Welt neueröffnet hat. Eine spirituelle Welt, deren Utensilien Geld kosten, ist mir irgendwie zu billig. Und wenn sich die Betreiberin des Ladens hundertmal „Einhorndame“ nennt.

Guten Abend

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