Nachtschwärmer Online – Sonne und Schatten

Fünf Etappen

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Zwischen der Maastrichter Laan und dem Ausläufer des Höhenrückens, der die Grenze zu Belgien markiert, haben Bäche eine sanfte Hügellandschaft geformt, darin Dörfer, Weiler und einzelne Gehöfte. Du folgst verschlungenen Pfaden durch Hohlwege, über Anhöhen und durch Täler, lässt dich treiben an den Wegkreuzungen, – und vielleicht gelangst du irgendwann zum Ort Holset.

Die wenigen Häuser von Holset stehen an der Flanke eines steilen Hügels entlang einer gewundenen Straße. Auf der Kuppe dieses Hügels steht die kleine Kirche des Ortes. Sie ist aus dem hellen Bruchstein der Region erbaut. An der linken Seite ist das Pfarrhaus angemauert, kaum niedriger als die Kirche, deren spitzer Turm nur eben über sein Dach hinausragt. Du gehst durch eine Mauerpforte an einem kleinen Kirchhof entlang. Einige der Grabsteine tragen niederländische, andere deutsche Inschriften. Du öffnest die Tür und betrittst den Vorraum der Kirche. Vor dir tut sich eine Kapelle auf, worin sich eine kleine Menschengruppe vor brennenden Kerzen versammelt hat.

Es scheint sich um eine große Familie zu handeln. Es sind auch Kinder dabei. Du hast die Leute in irgendeiner Andacht gestört, und nun heben alle den Kopf und schauen dich an, als wollte man dich in die Andacht einbeziehen, jetzt, wo du ohnehin gestört hast.

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Du tust ganz unbefangen und wendest dich ab ins kleine Kirchenschiff. Eine starke Bildhaftigkeit entfaltet sich dir. An den Wänden hängen prächtige Schnitzereien, und da sind Statuen der Heiligen. Du verharrst vor einem Seil, das den Altarraum vor dir absperrt. Und wie du den dir verbotenen Altar und das Chorgestühl betrachtest, hörst du ganz leise Gesang. Von irgendwo aus der Tiefe der Zeit hörst die seltsamen Tonfolgen der gregorianischen Gesänge.

Die Stimmen sind nur im Kirchenschiff zu hören. Den Menschen in der Kapelle kommen sie nicht zu Ohren, sie haben ihre eigene seltsame Andacht.

Und dann erfasst dich ein Schaudern vor dem Geheimnis dieser Kirche. Du kennst es längst, und hast du vom Anfang deines Weges an mit wachem Blick geschaut, hast du die versteckten Hinweise gesehen.

Erinnerst du dich?

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Ja, als ich kurz hinter Vaals von der Maastrichter Laan abgebogen bin, war dort am Eckhaus ein Schild:

Gebruikte Kinder

Kleding

Und weil das Wort „Kleding“ allein gestanden hat, soweit weg von „Kinder“, habe ich mich erschrocken. Was bieten die an, habe ich mich ungläubig gefragt: „Gebrauchte Kinder“? Dann habe ich das Wort „Kleding“ gefunden und war beruhigt.

Dieser Vorfall wäre für sich genommen ohne Bedeutung. Da war nur eine typographische Brutalität zu sehen, nichts weiter. Doch später sind dir die seltsam vielen Kreuze aufgefallen. Nirgendwo in der Gegend ist die Dichte der Wegkreuze, Bilderstöckchen und Kapellen so hoch. An Hauswänden siehst du kleine Grotten, in denen die Mutter Gottes wacht, fast immer im blauen Gewand. Und schaust du dich um, so ist ein Gehöft hübscher, ein Haus heimeliger als das andere. Da ein fruchtbares Tal, gesundes Vieh auf saftigen Wiesen, dort ein Haus auf einem Hügel, umgeben von einem Obstgarten oder sich lauschig unter eine Kastanie duckend. Ist das hier Gottes eigenes Land?

Obwohl die Sonne hell am blauen Himmel steht, fährst du manchmal in den Schatten. Da ist die Erde wild und schlammig, da stehen Disteln wie Inseln in den Wiesen, da sie selbst den harten Mäulern des Viehs widerstehen. Schmutzig das Gehöft im Talgrund, übel die Gerüche, heidnisches Putzwerk in den Fenstern, da, eine handgemalte Hausnummer 666. Und da spürst du plötzlich das Geheimnis dieser Gegend, das von der Kirche in Holset seinen Ausgang nimmt.

Du fährst durch umkämpftes Gebiet.
Es ist mal gottesfürchtig, mal gottlos.

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Ein hübsches Steinkreuz in der Böschung. Es hat eine Inschrift:

ANO 1653
DEN 8.8 B: IST
MAECKE KOECKARTZ
IAEMMERLICK OMCOME
GOD TROS DE SELE
AMEN

Im Jahre 1653, dem 8.8. Ist Mäcke Kuckartz
jämmerlich umgekommen. Gott tröste seine Seele.

An einer bestimmten Stelle des Kirchenschiffes tönen die gregorianischen Gesänge besonders laut. Dort verharre und lausche. Für einen Augenblick sinkst du hinab ins Dunkel der Vergangenheit. Und dann hörst du das Geheimnis dieser Kirche.

Als die römischen Legionen einst von Süden heraufkamen, trafen sie hier auf ein wildes Volk. Caesar hat diese Leute beschrieben. Seine Männer fürchteten sich vor ihnen, und man ging ihnen aus dem Weg, denn die Vorfahren von Mäcke Kuckartz waren nicht zu befrieden.

Glaubst du eigentlich, dass Erde, Baum und Stein Erinnerung bewahren? Glaubst du, dass ein Platz, an dem menschliches Blut vergossen wurde, um die grimmigen Götter gnädig zu stimmen, glaubst du, dass ein solcher Ort den stummen Schrei der Opfer bewahrt? Wie oft, o Stein, hast du das niederstoßende Opfermesser und das zuckende Herz gesehen?

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Ist es möglich, dass solch ein heidnischer Zauber ein Land mit einem Schatten belegt, so dass er an bestimmten Stellen auch dir noch den Sonnenschein verdunkelt? Hat dieses Land deshalb so viele Wächter an Wegkreuzen und auf Ausguck in Grotten?

Einen Opferplatz wie auf dem Hügel von Holset seiner finsteren Bestimmung zu entziehen, ist eine schwierige Angelegenheit. Wie soll das gehen? Man kann den Opferstein umstoßen, den Tempel schleifen bis auf den Grund, doch im Gedenken der Menschen bleibt alles bestehen.

Die ersten christlichen Mönche, die sich unter dieses heidnische Volk trauten, den Opferstein umstießen und ihren Tempel schleiften, das waren keine kleinen Männer. Sie haben etwas getan, was uns heute unmöglich erscheint: sie haben die heidnischen Götter vertrieben. Und dann haben sie über dem Opferstein eine Kapelle erbaut. Die spätere Kirche von Holset.

Das ist der christliche Überwindungsgedanke, das weißt du. Der heidnische Ort muss umgewidmet werden. Guck, die Geschichte darf man nicht allegorisch deuten. Und trotzdem wünsche ich mir manchmal, dass es irgendwie gelänge, diesen menschenfressenden Gott Mammon mit all seinen hässlichen Kreaturen zu überwinden.

Gute Nacht, meine Lieben

Lobe am Abend den Tag
– Spruchweisheit aus der Edda –

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5 Kommentare zu Nachtschwärmer Online – Sonne und Schatten

  1. Ich greife mal – Berufskrankheit? – den Wunsch am Ende auf. Nicht, daß ich ihn erfüllen könnte… aber ich habe Anfragen zum Thema.
    Ist es eigentlich überhaupt möglich, etwas zu überwinden, zu beseitigen, ohne etwas andres an seine Stelle zu setzen? Oder kommt es dann nicht unweigerlich wieder? Die Mönche haben an die Stelle heidnischer Kulte christliche Verehrungen gesetzt – oftmals nicht nur ideell, sondern auch handfest: an den Ort eines heidnischen Opfersteins, heiligen Baumes, oder was sie sonst fanden, bauten sie eine Kirche. An die Stelle der Muttergöttin setzten sie die Gottesmutter.
    An die Stelle der Jahreszeitenfeste setzten sie christliche Feste – Weihnachten, Erntedank, Johannisfest. Ostern liegt auch ohne solche Gedanken nah bei der Tag- und Nachtgleiche des Frühjahrs.
    Die Bibel sagt: „Ihr könnt nicht Gott dienen UND dem Mammon“ – aber sie sagt nirgends, man könne niemandem dienen. Muß also nicht sogar etwas anderes an die Stelle Mammons treten? Geistig-geistliche Anarchie unmöglich?

    • Ja, was sollte das sein? Die alten Religionen, haben sie noch die Kraft, dem Wahnwitz unserer Zeit etwas entgegenzusetzen?
      Da habe ich meine Zweifel. Unweit dieser Stelle befindet sich der Drielandenpunt, der höchste Punkt der Niederlande. Dort haben sich die Jünger der Transzendentalen Meditation des Mahareshi Yogi angesiedelt. Sie bauen dort ein Weltzentrum, und von dort oben wollen sie die Welt befrieden?
      Ich finde, man darf die Überwindung nicht den Scharlatanen überlassen. Eine neue geistig-moralische Orientierung müsste weder von einer Religion noch von einer Sekte ausgehen. Allerdings braucht man eine Symbolik, die leicht fassbar ist.

      • Ist nicht geistig-moralische Orientierung gerade eines der Propria von Religionen? Woher soll denn diese Orientierung sonst kommen, und worauf soll sie sich berufen, wenn nicht auf etwas, das höher steht als das menschliche Individuum und vor allem sowohl dem Individuum als auch der Kollektivität letztlich nicht verfügbar, sondern vorgegeben ist?
        Die „alten Religionen“ haben durchaus die Kraft, wenn sie sich nicht scheuen, auch deutlich zu sagen, daß sie sich gegen den Wahnwitz unserer Zeit stellen. Wenn sie Profil zeigen, werden sie ernstgenommen. Warum sonst steigen so viele Westeuropäer ein in den Islam oder eine zugegebenermaßen sehr westlich-verbogene Variante des Buddhismus? Weil diese Religionen sich hinstellen und sagen, „wir haben unsere Spielregeln, und die heben uns und euch heraus aus dem säkularen Alltag.“ Die evangelikalen christlichen Gruppierungen, die dies auch tun, haben Zulauf – und werden von den Priestern der Dekadenz deshalb auch weidlich angegriffen gern und mit Mullahs auf eine Stufe gestellt.

        Die „Weltbefriedung“ geschieht nicht von einem Punkt aus mit einem Donnerschlag. Aber an vielen kleinen Orten tun viele kleine Menschen viele kleine Dinge, die die Welt verändern… und wenn sie das aus derselben Motivation tun, dann ist das Religion.

  2. @Loco_just_Loco: weltveränderung und weltgestaltung aus derselben motivation hört sich furchterregend an und erinnert mich eher an ideologie als an religion

    @Trithemius: warum zitierst du aus der edda? „Bezeichnend für alle Lieder des Heldenzyklus sind die immer wiederkehrenden Motive von Tapferkeit, Tod, Mord und Rache. Oft werden die Helden von Visionen heimgesucht, entweder in Form von Träumen oder durch die Einwirkung von Sehern oder ähnlichem.“ findest du, dass wir mehr HELDEN bräuchten? (wiki schreibt auch, dass der heldenliedteil der edda über den tod von nicht weniger als 36 HELDEN berichtet)

    1

    Von den Großen dieser Erde
    melden uns die Heldenlieder:
    Steigend auf so wie Gestirne
    gehen sie wie Gestirne nieder.
    Das klingt tröstlich, und man muss es wissen.

    Nur: für uns, die sie ernähren müssen
    ist das leider immer ziemlich gleich gewesen.
    Aufstieg oder Fall: Wer trägt die Spesen?
    Freilich dreht das Rad sich immer weiter
    dass, was oben ist, nicht oben bleibt.
    Aber für das Wasser unten heißt das leider
    nur: Dass es das Rad halt ewig treibt.

    2

    Ach, wir hatten viele Herren
    hatten Tiger und Hyänen
    hatten Adler, hatten Schweine
    doch wir nährten den und jenen.
    Ob sie besser waren oder schlimmer:
    Ach, der Stiefel glich dem Stiefel immer
    und uns trat er. Ihr versteht: Ich meine
    dass wir keine andern Herren brauchen, sondern keine!

    Freilich dreht das Rad sich immer weiter
    dass, was oben ist, nicht oben bleibt.
    Aber für das Wasser unten heißt das leider
    nur: Dass es das Rad halt ewig treibt.

    3

    Und sie schlagen sich die Köpfe
    blutig, raufend um die Beute
    nennen andre gierige Tröpfe
    und sich selber gute Leute.
    Unaufhörlich sehn wir sie einander grollen
    und bekämpfen. Einzig und alleinig
    wenn wir sie nicht mehr ernähren wollen
    sind sie sich auf einmal völlig einig.

    Denn dann dreht das Rad sich nicht mehr weiter
    und das heitre Spiel, es unterbleibt
    wenn das Wasser endlich mit befreiter
    Stärke seine eigne Sach betreibt.

    Die Ballade vom Wasserrad: Bertolt Brecht

    ich glaube nicht, dass „ein heidnischer Zauber ein Land mit einem Schatten belegt, so dass er an bestimmten Stellen auch dir noch den Sonnenschein verdunkelt?“. viel mehr glaube ich, dass oft ein unaufgeklärtes denken manche gehirne geradezu verkleistert und dass die menschen mit den verklebten gehirnen – statt einem aufgeklärten = „einem individuellen wie gesellschaftlichen geistigen Emanzipationsprozess, der darauf abzielt, allein auf dem Glauben an Autoritäten beruhende Denkweisen kritisch zu hinterfragen“, einem unaufgeklärten, menschenfeindlichen, ichbezogenen denken und HANDELN zuneigen, das sich leider nicht darauf beschränkt, über eigenes leben und eigenen tod zu entscheiden, sondern sich darüber hinaus allzuleicht anmasst, über das, was überhaupt existenzrecht besitzt zu richten und zu entscheiden.

    übrigenz zum thema ’sonne und schatten‘ fällt mir der film ‚SCHWARZE SONNE’von Rüdiger Sünner ein.

    • Die Edda ist ja kein einheitlicher Text, in dem nur die Geschichte der germanischen Götter erzählt und Heldenlieder gesungen werden. Der von mir zitierte Vers ist eine Spruchweisheit, eine Lebensregel zur Orientierung:

      „Lobe am Abend den Tag“, das heißt nicht nur, was der Volksmund daraus gemacht hat „Du sollst den Tag nicht vor dem Abend loben“, sondern es bedeutet auch, dass es gut ist, am Abend den Tag zu loben, wenn man ihn heil überstanden hat. Man schaue am Abend mit Wohlgefallen auf sein Dasein und kann für die Nacht zur Ruhe kommen.

      Ich hoffe, du unterstellst mir kein „unaufgeklärtes Denken“ bzw. ein verkleistertes Gehirn. Wenn du meine anderen Texte liest, dann wirst du die aufklärerische Absicht darin finden. Ich will auch nicht das Denken meiner Leser verkleistern mit Mutmaßungen über einen alten Schatten, der die Sonne verdunkelt. Doch zeigen will ich, dass in Landschaften stets die Zeichen der Vergangenheit noch zu lesen sind und dass alles, was gegenwärtig ist, seine Gründe in der Vergangenheit hat. Darauf zu achten, ist Schulung eines historischen Bewusstseins.

      In den Nachtschwärmer-Texten geschieht dies gelegentlich im Rückgriff auf romantische Vorstellungen. Die beiden Staffeln überarbeite ich gerade. Sie sind deshalb zur Zeit nicht zugänglich.

      Freundliche Grüße
      Trithemius

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