Abendbummel Online – Von der Schwierigkeit, einen Weg zu zeigen

Unterhalb von Orsbach, das oben auf der Höhe liegt, schlängelt sich der Grenzbach zwischen Deutschland und den Niederlanden. Beim Weiler Marmelis gibt es eine schmale Brücke und eine Furt für die Kühe. Bei der Furt steht eine Bank. Auf der saß ich gut. Hinter mir plätscherte der Bach, ich schaute mal hinauf ins Feld, mal in die Hecken und an Bäumen hoch …
Da kamen zwei Radfahrer mit Gepäcktaschen über die Brücke. Der hintere winkte mir zu, und lenkte dann zu mir herüber. Ob ich wüsste, wohin der Weg führt. Er suche nämlich eine Strecke nach Maastricht und wolle nicht an der befahrenen Maastrichter Laan entlang.

„Sie können über den Höhenrücken nach Westen fahren“, sagte ich, „doch der Weg ist schwer zu finden. Am besten folgen Sie den Hinweiszeichen der ausgeschilderten Radrouten. Oben an einer T-Kreuzung treffen Sie auf die Route. Die führt sie dann zum nächsten Kotenpunkt, wo Sie auf einer Wegtafel die Strecke aussuchen können. Die Teilstrecken haben Nummern, und sie müssen sich unterwegs immer nur die Nummer des nächsten Kontenpunktes merken und den Schildern mit dieser Nummer folgen.“

Er war etwa Ende dreißig, ein kleines bisschen verwildert. Und meine Erklärung war irgendwie zu hoch für ihn. Er war willig, ja emsig bei seinen Fragen, doch diese Fragen verrieten mir, er verstand mich nicht. Er traute sich offenbar nicht zu, meine Anweisung zu befolgen.

Zwischendurch dolmetschte er seinem „Kollegen“. Der sei Tscheche, und könne kein Deutsch. Darum sie ihre gemeinsame Verkehrssprache spanisch. Dann fragte er mich wieder, als hätte er meine Auskünfte vergessen, nachdem er sie ins Spanische übersetzt hatte.

„Sie können auch ein Stück mit mir fahren, ich wollte sowieso hinauf“, sagte ich, „dann zeige ich Ihnen den Weg.“

Er war erleichtert und fing an zu plaudern. Dass er Fische hätte und da er keinen Fütterapparat habe, könnte er mit seinem Kollegen nur einen Tag in Maastricht bleiben.
„Was soll ich auch mit einem Fütterapparat, ich mache sowieso keinen Urlaub.“
Und dann sagte er, dass man ja viel zu selten aus der Stadt rauskomme, wo es doch so einfach sei.

Das war einleuchtend.

Ich brachte die beiden den Höhenrücken hinauf zum Knotenpunkt 89. Dort zeigte ich ihnen verschiedene Möglichkeiten zu fahren. Maastricht war leider nicht auf der Karte. Darum sagte ich: „Fahren Sie bis Valkenburg, und von dort führt sie die Strecke eine Weile an der Göhl entlang.“

„Was ist das?“

„Ein Fluss. Er mündet bei Maastricht in die Maas.“

„Wir fahren also an dem Fluss entlang? Welche Fließrichtung aufwärts oder abwärts.“

„Abwärts, er entspringt ja nicht aus der Maas, er mündet in die Maas.“

„Ach so“, sagt er. „Ich glaube, das mit den Knotenpunkten ist mir zu kompliziert“

„Dann fahren Sie einfach hinten an der Kreuzung immer nach Westen. Dann verlassen Sie den Höhenrücken jedoch schon weit vor Valkenburg und müssen an der Landstraße entlang.“

„In welche Richtung?“

„Westlich.“

Ich habe die beiden dann verlassen. Es wurde mir langsam zu anstrengend. Unterwegs dachte ich, dass der Mann mir seltsam war. Erstens fragt ein Mann selten nach dem Weg, und zweitens stellt er sich nicht so hilflos an, wenn man ihm den Wunsch erfüllt, einen Weg zu finden, der über einen Höhenrücken führt, von wo er „weit sehen“ kann, wie er verlangte. Das fehle ihm nämlich in der Stadt.

Diese seltsame Verzagtheit kam nicht aus Dummheit. Er war nur völlig unbedarft. Vermutlich lebte er sonst in einer kleinen engen Welt, und nun war ihm schon ein Ausflug nach Maastricht eine Herausforderung.

Welch seltsame Menschen formt das Stadtleben …

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