Die letzte Freinacht- Lesung, Folge 25

Folge 25
Kämpfen um zu verlieren

Die Mythologie der Germanen scheint seltsam paradox:
Die Götter sammeln die tapfersten Krieger auf den irdischen Schlachtfeldern. Der im Kampf gefallene Held wird nach Asgard geholt. Dort rüsten die Helden sich für Ragnarök, den letzten Weltenkampf. Von diesem Kampf aber weiß die Mythologie schon, dass er verloren gehen wird. Erst nach dieser Niederlage wird das goldene Zeitalter anbrechen.
Warum also tun die Götter das? Warum rüsten sie sich für einen aussichtslosen Kampf?

Das goldene Zeitalter kann erst anbrechen, wenn man alles verliert.
Ist das eine Metapher für das Leben?

Müssen wir Menschen, muss der Beobachter bereit sein, alles zu verlieren, um zu gewinnen?

Wie sieht der Gewinn aus? Alles zu verlieren, hieße, alles zu lassen, das Schwingen nicht mehr zu behindern. Würde dann die Beobachtung den Schmerz verlieren? Verlöre sie nicht auch das Gegenteil, die Lust? Sind Lust und Schmerz verzichtbar?

Sind sie nicht die treibende Kraft? Ist das goldene Zeitalter ein großer Selbstbetrug des kleinen Menschen?
Alles deutet darauf hin.

Was kann der Einzelne tun, sein irdisches Los erträglich zu gestalten? Wenn Leid in der Welt sein muss wie Freude, ist es dann nicht ein Vergehen am anderen, mehr Freude haben zu wollen? Dann muss sich das Leid auf seiner Seite ansammeln, des Gleichgewichts wegen.

Wer das versteht, darf nicht so handeln. Dann ist sein Weg vorbestimmt, denn wenn er sich gegen die Gesetze vergeht, die er sich selbst gemacht, wird er nicht glücklicher sein können.
Die Konsequenz ist, einen Teil des Unglücks freiwillig zu nehmen, um den gerechten Teil des Glücks zu bekommen.
Wie wäre das zu konkretisieren auf unser alltägliches Trachten und Tun?

Wir müssten moralische Menschen sein, wenn wir moralisch sind, wir dürften unmoralische Menschen sein, wenn wir unmoralisch sind.
Wie seltsam. Foucault spricht jedoch von der Verpflichtung des Menschen zur Selbstsorge. Selbstsorge, Wahrhaftigkeit und schönes Leben.

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4 Antworten auf Die letzte Freinacht- Lesung, Folge 25

  1. Der Mensch glaubt an Mythologien, am nicht Fassbaren hält er sich fest (das nennt man – denke ich – manchmal auch Religion). Sehenden Auges geht er ins Verderben.
    Er glaubt dir, dass sich im Himmel Milliarden Sterne befinden, aber er berührt die Parkbank, obwohl man ihm sagt sie sei frisch gestrichen.

    Ragnarök wird kommen, so sicher wie die Menschheit unvollkommen ist. Warum daher nicht die glücklichen Momente intensiv genießen und die Unglücklichen hinnehmen oder versuchen zu verarbeiten?

  2. “Ragnarök wird kommen” Du sprichst ein großes Wort gelassen aus.

    Du hast recht, glaube ich, mit dem, was du danach sagst. Allerdings gehört noch das gute menschliche Miteinander dazu.

  3. lieber Jules,

    Ich habe ein gänzlich anderes Bild der Welt und wie ich das hier so schreibe ist das glaub ich die Crux an den Dingen.
    Bei all dem *globalen Zwang zum Leid* hast du den genialsten Trick der Schöpfung ganz ausser acht gelassen.

    Das Leben ist nicht EINS, das Leben ist VIELE, unglaublich individuel, jedes Tierchen anders, jedes Blättchen am Baum ein Unikat. In dieser Vielfalt liegt meine Hoffnung. Das Leben findet einen Weg zu existieren. Ob wir, die Menschheit, ein Wertesystem auf das Leben übertragen ist eigentlich völlig egal und unsere Möglichkeiten Einfluss zu nehmen halte ich für sehr begrenzt. Wer sagt mir, das meine Katze mit ihrem Schnurren nicht viel mehr bewirkt, als Hochgelehrte mit tagelangen Vorträgen es vermöchten, und wer beweist mir, das die Katze das nicht weiss?
    Die Endlichkeit unserer jetzigen Erscheinungsform ist uns bewusst, auch wenn viele davon nichts wissen wollen. In dieser Inkarnation wissen wir , das wir sterben müssen.
    Wissen Schmetterlinge eigentlich das sie mal Raupen waren ? Weiß der Staub unter unseren Füßen noch was von dem Urzeitgebirge, das er einst war.

    Ich weiß, das ich nichts weiß, aber das Nichtwissen macht mich sehr neugierig. Und wenn denn, dem Ende meiner jetzigen Existenz wirklich gar nichts folgen sollte, dann wären es doch ein paar nette Jahrchen gewesen.

    Ich kann das Leben nicht ergründen, ich kann’s nur tun.

    LG Anne

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