Die letzte Freinacht – Lesung, Folge 24

Folge 24
Der sich beobachtet

Ich bin ein Zweifler, zweifle an Gott und jeglichem Sinn. Aber, mein lieber Gott, ich habe mich nicht selbst gemacht. Bin nicht gefragt worden, ob mir die Rolle passt. Also, warum ich?

Die Frage, „warum ich?“, können viele Menschen sich stellen, die im Unglück sitzen. Es ist keine legitime Frage, denn auch die Antilope, die vom Krokodil gefressen wird, stellt sie nicht, sondern fügt sich in ihr Los. In der Natur ist Leben und Vergehen der Normalfall, indem Leben vergeht, ist Leben erst möglich.

Nur die Frage, warum wir uns selbst beim Vergehen beobachten können, die scheint mir legitim.

Wenn es stimmt, dass der Kosmos ein Schwingen ist zwischen Existenz und Nichts, dann ist ein beobachtender Geist nicht nötig.

In einer Welt ohne den Menschen könnte der Kosmos trotzdem schwingen, er braucht den Menschen nicht. Im Fernsehen sah ich Michel Foucault. Er sagt, dass der Mensch als Individuum, das die Welt betrachtet, wie wir es heute tun, eine jüngere Erscheinung ist. Und die Menschheit insgesamt könne deshalb auch bald wieder vergehen.

Doch der Mensch betrachtet die Welt. Warum?
Drei mögliche Gründe, warum der Mensch sich und die Welt betracht:

1) Entweder ist der beobachtende Geist immer Bestandteil der Natur. Er erfasst bestimmte Geschöpfe und wandert von Art zu Art. Dann gibt es im Kosmos auch andere Arten, die die Welt beobachten.

2) Oder die Beobachtung steckt in allem, im Menschen, im Tier, im Stein, im Gras usw. Dann wäre es vermessen, dass der Mensch sich als Krone der Schöpfung sieht.

3) Oder aber der beobachtende Geist ist eine sich schärfende Waffe. Dann wäre die Art, die die Welt betrachtet eine wachsende Kraft, ein Kniff der Existenz, der die Nichtexistenz bedroht. Diese Art bedroht das Gleichgewicht der Schöpfung, und deshalb muss die Schöpfung den Menschen schrecklich strafen, da die Welt vergeht, wenn die schöpferische Kraft größer als die vernichtende Kraft ist.

1) ist in sich nicht sinnvoll. Es ist eine Idee der Beschränkung. Bevor es irgendwelche Arten gibt, muss es schon die Beobachtung geben. Indem das Nichts sich beobachtet, ist es kein Nichts mehr, und das erst ist der Grund für das Hin und Her zwischen Existenz und Nichtexistenz. Man könnte die beobachtende Kraft die göttliche Kraft nennen, das schadet nichts, denn es macht die Kraft der Beobachtung nur fassbarer.

„Gott betrachtet sein »Tageswerk« und »sah, dass es gut war“,

heißt es in der biblischen Schöpfungsgeschichte. Diese göttliche Kraft wäre überall, doch überall dort, wo sie sich manifestiert, ist sie nicht. Zu schwer zu verstehen für mich, und auch zu weit weg von mir und jedermann.

Folge 25

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