Die letzte Freinacht – Lesung, Folge 21

Folge 21
Langer Weg

Wie wir den Baum freudig durch den Wald begleiten, kommt einer von der Straße daher. Er trägt sein Fahrrad durch den Matsch. Den Förster hat er gesehen. Der lauert oben am Beginn der zweiten Bruchstraße, und allein wär er auch nicht. Das ist schlechte Nachricht. Das tut man nicht. Zur Strafe müsste er geschlagen werden.

Dann werden wir eben einen Umweg machen, entscheiden die Jungbauern. Soll er warten bis er schwarz wird, der Scheißförster. Wenn wir uns weiter nach links halten, können wir einen Bogen beschreiben.

Es ist ein weiter Umweg. Es führt durch einen engen feuchten Tunnel unter der Bahnlinie durch, dahinter müssen wir abbiegen und ein ganzes Stück auf der falschen Seite des Bahngleises fahren.

Im Tunnel kriegen wir die Kurve nicht, wir zerren, reißen, fluchen, Kremes Karl quetscht sich die Hand und junkt wie ein waidwundes Tier. Der Weg ist in elendem Zustand, voller Schlaglöcher. Nur in die ganz tiefen hat man Ziegelschrott und Baudreck gefahren. Erst wo der Weg fast zugewachsen ist, gleitet der Stamm gleichmäßig übers Gras hinter dem Traktor her. Da kommt auch die gute Laune zurück. Wir üben uns abwechselnd im Stammreiten, fahren mal auf dem Traktor mit oder traben nebenher.

Nur Kremers Karl sitzt ein bisschen bleich und mit Karrenrädern unter den Augen auf dem Notsitz über dem linken Traktorreifen. Er hat ein Taschentuch um die wunde Hand getan. Seine gesunde klammert spitzknöchrig um die dünne Lehne aus Eisenrohr. So’n Pech aber auch!

Auch uns wird der Weg bald zu weit. Endlich taucht der einsame Bahnübergang auf, der uns wieder auf die richtige Seite lässt. Zuletzt war ich als Kind hier.

Jetzt werden die Wege vertrauter, und in tiefer Dunkelheit laden wir den Stamm auf dem Hof von Büb ab. Hier wird er morgen entrindet und geschmückt. Und morgen Abend soll er aufgerichtet werden, um eine ganzen Monat das Dorf zu zieren.

Folge 22

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