Die letzte Freinacht – Lesung, Folge 12

Folge 12
Wilde Musik

Wenn die Sonne hoch steht und das Land grell bescheint, setzt der Junge sich gern in den Schatten des Wagens und wartet auf Züge. Es kommen nicht viele vorbei, und wann sie kommen, weiß niemand.
Das Ereignis kündigt sich an, wenn das Vorsignal seinen Signalteller in die Waagerechte legt. Das scharrt, und dann springt der Kleine auf, bahnt sich einen Weg durch die Holunderbüsche und setzt sich in die Böschung des Hohlwegs. Er kann ein gutes Stück der Strecke überblicken, bevor sie sich krümmt und aus seinem Blick verschwindet.

Doch die Dampflok sieht er schon von weiter her, an den runden weißen Wolken, die über der Strecke aufquellen. Die Schienen unten künden als letzte das Nahen des Zuges an. Sie beginnen leise zu sirren, als wären sie in Hitze geraten.

Donnern, Fauchen, Stampfen, Zischen, Rattern, Rattern, Rattern …
Hei, was für eine wilde Musik von Dampf und Eisen!

Der Kleine springt auf, schwenkt sein Taschentuch, winkt in den Führerstand der Lok hinein, dem schwarzgesichtigen Heizer zu. Manch einer lächelt und lehnt mal kurz seinen Kopf aus dem kleinen Fenster.
Dann die Waggons, einer nach dem anderen, und wie schön, wenn sich hinter den Fenstern eine Hand für ihn rührt.

Wenn Güterzüge kommen, muss er Anhänger zählen. 80, 81, 82, 83, 83, …94, 97, verzählt. Jetzt wird er in seinem ganzen Leben niemals die richtige Zahl erfahren.

Gerne spielt er auch an kleinen Pfützen in der Karrenspur. Er gräbt einen Kanal und lässt die obere Pfütze leer laufen. Dann werden die Wasserflöhe von oben heimatlos. Das ist leider so.

Da taucht oben am Knipp seine Mutter aus dem Acker auf. Dauert es eine ganze Stunde bis sie bei ihm ist? Sie ist so langsam auf den Knien.

„Ach, hol doch mal die Jacke von Frau Lochmann und bring sie ihr!“

Frau Lochmanns Jacke ist blau. Er greift sie sich vom Kleiderhaufen und rennt los.

Folge 13

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