Deutsche Verirrungen und deren Bewältigung

aus aktuellem Anlass

Beispiel: Runenforschung

Rune – got. runa, zu raunen, geheimnisreiche Schrift. Runen gelten als die Schriftzeichen der germanischen Völker, was irreführend ist, denn das Volk war schriftlos. Runenkenntnis und -gebrauch waren nur einem kleinen Kreis von Runenkundigen vorbehalten. Authentische Schriftzeugnisse sind selten, soweit sie auf Steinen vorkommen oft verwittert, so dass der anerkannte schwedische Runenforscher Finn Magnusson versehentlich auch Felsrisse als Schriftzeichen las. Die überlieferten Runenreihen (Futhark) stammen überwiegend von christlichen Mönchen. Insgesamt ist die Quellenlage dieser Wissenschaft sehr unsicher.

Deshalb war Runenforschung immer stark von Vermutungen und vom Wunschdenken geprägt, in Deutschland besonders zur Zeit des 3. Reiches. Die Nationalsozialisten forderten den Nachweis, das Runenfuthark sei schon vor dem Alphabet entstanden, und die Wiege der Schrift habe somit in Deutschland gestanden. Die überwiegend linientreuen deutschen Runenkundler bemühten sich eilfertig, die entsprechenden Nachweise zu erbringen.

Allein der Runenforscher Helmut Arntz widerspricht dieser hirnrissigen These und entgeht seiner Verhaftung nur, indem er sich freiwillig an die Front meldet. Arntz schreibt trotzdem eine Neubearbeitung seiner RUNENKUNDE (Halle/Saale 1944), in der Kalmückensteppe, in den Gefechtspausen und im Lazarett, oft weitab von jeder Bibliothek und bar aller Hilfsmittel. Vier Jahre denkt er „im Felde“ über Runen nach.

„Früh beginnen die Winternächte im Osten; in der Kalmückensteppe versank bald nach Mittag die Sonne und mit ihr der Tag, und in dem langen Sinnen ward vieles unsicher, was einst sicher schien. Alte, immer wieder nachgesprochene Ansichten sind nun aufgegeben. Was aber aus der neuen Durchdringung des Stoffes entstanden ist, ergibt ein geschlossenes und darum einfaches Bild – möge die Wahrheit auch hier das Einfache sein.“ (Aus dem Vorwort der 2. Auflage).

Die anrührende und mutige Redlichkeit des Helmut Arntz bleibt in der Runenforschung ein Einzelfall. Sein Kollege Professor Dr. Wolfgang Krause zum Beispiel sitzt derweil im Göttinger Institut für Runenforschung bequem auf seinem Lehrstuhl, tadelt Arntz wegen seiner Halsstarrigkeit und ist sich auch nicht zu fein, auf dessen nichtarische Urgroßmutter hinzuweisen.

1970 skizziert Professor Dr. Wolfgang Krause in seinem Büchlein „Runen“ unter anderem die Forschungsgeschichte. Über die Runenforschung im 3. Reich und seine eigene klägliche Rolle weiß er gar nichts mehr. Die Verirrungen in der Zeit des Nationalsozialismus erwähnt er mit keinem Wort, er spart die Zeit einfach aus. Bei der Frage nach der Herkunft der Runen sieht er jetzt völlig klar: „Alle ernsthaften Forscher“, schreibt er, seien sich einig, dass sie von „südeuropäischen Schriften“ abstammen.

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In seinem Aufsatz „Zur Geschichte der Skandinavistik an der Georg-August-Universität Göttingen“ (1985), führt Professor Dr. Fritz Paul, Göttingen, diese Form der verschleiernden Vergangenheitsbewältigung fort:

„Über Krauses runologische Tätigkeit, seine Auseinandersetzung mit dem runologischen „Konkurrenten“ Helmut Arntz und seine Verwicklung mit dem unseligen „Ahnenerbe“ der Nationalsozialisten und der von ihnen eingerichteten „Lehr- und Forschungsstätte für Schrift- und Sinnbildkunde“ unter der Leitung des SS-Sturmbannführers Th. Weigel, ist von Ulrich Hunger unter Auswertung nahezu aller Quellen ausführlich, kompetent und loyal gehandelt worden. Krause hat sich, wie selbst Michael H. Kater in seinem notwendigerweise kritischen Werk über Das „Ahnenerbe“ der SS 1935-1945 einräumt, trotz der Verbindungen zu den genannten nationalsozialistischen Institutionen und trotz seiner Tätigkeit als Leiter der „Lehr- und Forschungsstätte für Runen- und Sinnbildkunde“ beim Ahnenerbe e.V. Göttingen, Theaterstraße 8, von 1943 bis 1944, im Dritten Reich wissenschaftlich und politisch kaum kompromittiert.

„Kompetent und loyal“ hat Professor Dr. Ulrich Unger die Verirrungen Krauses abgehandelt, und so ist Krause auch „kaum kompromittiert“. Man muss sich klar machen, dass diese Kumpanei, das Abwiegeln und Vertuschen in vielen Bereichen des öffentlichen Lebens der bundesdeutsche Weg der Vergangenheitsbewältigung war.

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3 Kommentare zu Deutsche Verirrungen und deren Bewältigung

  1. ich hatte immer gedacht, die runen wären aus den vedischen schriften der inder entstanden, oder hat das was mit dem irrgläubigen ariertum zu tun. die swastika ist auf jeden fall auch ein in indien gebräuchliches symbol – oder ist sie keine rune im herkömmlichen sinne?

    • Die Runen stammen entweder von einem etruskischen oder einem lateinischen Alphabet ab. Alle Ideen eines älteren Ursprungs sind pure Spekulation, für die es keine Beweise gibt.
      Die Swastijka, das Sonnenrad, ist keine Rune.

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