Nachrichten aus dem Off – Sommer 2006

Und dann ist es von Tag zu Tag immer heißer geworden, und man hat nicht mehr gewusst wohin mit sich. Das dumme Vieh ist ja bei Hitze schon immer in den Schatten gegangen, wenn es denn welchen fand an den Rainen der verdorrten Weiden. Zum Schluss hat der Mensch es dann auch eingesehen. Obwohl es bis zuletzt welche gab, die in der prallen Sonne gelegen haben, weil es ihnen offenbar von irgendwoher befohlen wurde. Der Befehl kam aus den älteren Teilen des Gehirns, die irgendwo hinten unten noch funktioniert haben, während der Rest schon verbruzzelt war.

Man hat auch immer mehr Kleidung abgelegt, was namentlich bei den Männern nicht immer schön anzusehen war. Die haben das aber nicht mehr gemerkt, denn zuletzt hat nur noch die Gucklust funktioniert und bei den Männern unschöne Stielaugen hervorgerufen. Die Frauen haben getan, als hätten sie nichts damit zu tun, obwohl sie natürlich hätten wissen müssen, dass spärlich verhüllte Reize viel schrecklicher die Phantasie anstacheln als völlige Nacktheit.
Allerdings sind die unsittlichen Ausfälle seltener geworden, weil sich die Erregbarkeit bei den meisten nur noch in den Augen aufgehalten hat.

Wo irgendwo ein bisschen Grün sich noch gehalten hat, waren die Plätze im Schatten behockt von Leuten, denen das Wasser von innen nach außen getrieben wurde. Da kamen transportable Stühle aus Alustangen und Tuch in Mode, die man in schlanken Säcken auf dem Rücken transportieren konnte.

Wasser in Flaschen war kaum noch zu haben, doch immerhin war Grillkohle noch bis zuletzt zu kriegen. Die holten sie sich am frühen Abend bei den Tankstellen, und dann hat man in der Abendhitze auf Balkonen, Terrassen und in den Parks auf glühenden Kohlen Würste gebraten, was erstaunlicher Weise wenig Abkühlung gebracht hat. Abends haben die Städte dann anders gestunken als am Tag, also die ausgedorrten Grünstreifen haben dann weniger nach Hundescheiße gestunken, weil der Rauch drüber gezogen ist.

Die Cabriofahrer und die in den Autos mit Klimaanlagen haben sich gewundert, dass der Plebs in den aufgeheizten Blechkisten immer bekloppter geworden ist. Man ist aber gefahren, bis die Räder tiefe Spurrillen in den zu Brei aufgeweichten Asphalt gegraben haben, weshalb dann nach und nach die Straßen gesperrt werden mussten.
An den Ufer der Flüsse und Gewässer hat es immer weniger Gedränge gegeben, denn die Strände wurden von Tag zu Tag breiter, weil das Wasser sich unter der Hitze einfach verabschiedet hat. Die Konjunkturdaten sind so schnell gesunken wie die Pegelstände; wer nicht in einem klimatisierten Büro gesessen, hat nur noch das allernötigste gearbeitet.

Es ist sowieso der Strom knapp geworden, weil die Kraftwerke kaum noch zu kühlen waren. Trotzdem sind immer mehr Klimaanlagen und Ventilatoren gekauft worden. Die haben aber nicht lange funktioniert, weil die Stromkabel zu schmoren und dann zu brennen angefangen haben. „Spart Strom!“, hat der Gouverneur von Kalifornien im Fernsehen gesagt, der passender Weise Schwarzenegger hieß. Man hätte ihn aber ohne Strom gar nicht sehen können im TV, weshalb sein Appell irgendwie ein bisschen verrückt gewirkt hat.

Auf den Feldern ist das Korn verdorrt, und im Fernsehen sind immer mehr jammernde Bauern gezeigt worden, quasi ruiniert.
Bis zuletzt hat sich keiner wirklich Sorgen gemacht, weil doch so ein Sommer besser ist als jeden Tag Regen. Der sei sowieso im Winterhalbjahr richtig fett zu erwarten, haben jedenfalls die Klimaforscher gesagt. Und Überschwemmungen haben sie angekündigt. Es ist ihr Beruf, Katastrophen anzukündigen; man muss ihnen nicht alles glauben. Solange sie noch unken können, ist quasi alles im grünen Bereich.

So ein Text wie der hier hat dann auch gar keinen richtigen Schluss mehr gehabt. Pointe? Fehlanzeige, weil es einfach zu warm war, ne Sache ordentlich zu Ende zu denken.

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