Klugheit und IQ-Test

Kein Ankläger sein

Bei einem Streifzug durch die Blogs ist mir letztens dieser Rat Gracians wieder eingefallen. Ich hatte eine jener ausufernden Blog-Kritiken gelesen, deren verbaler Aufwand im umgekehrten Verhältnis zum Inhalt steht, und als ich den Text nach 2/3 entnervt sausen ließ, beschlich mich ein ungutes Gefühl, das meine Blogpause zu vertiefen schien. Ja, meine Lust, noch irgendetwas für mein Blog zu schreiben, sank ohne meine Erlaubnis gegen Null.

Solche Texte machen einfach unfroh. Unvermittelt bekommt man einen Kübel Trübsinn vor die Füße und will nur noch weg auf trockenes Land, wo sicherer Stand ist und frische Luft. Denn nicht jeden Tag tropft mir soviel sinn- und fruchtlos abgesonderter Geifer so einfach von den Schuhen.

Es wäre sicherlich eine Übertreibung, von der Blogplattform als Elysium zu sprechen, und auch zur Galeere verkommt sie nicht, wenn sich einige Eiferer dort tummeln. Trotzdem verhagelt es mir die Stimmung, denn ich spüre, dass diese Texte ein Anschlag auf das unbefangene und frei geäußerte Wort sind. Vermutlich sind jene Blogger sich dieser Wirkung nicht bewusst, wenn sie sich von ihrer eigenen Bitterkeit zum verbalen Erguss gedrängt sehen. Ihr Reflexionsvermögen ist ja nur nach außen gerichtet, ein Nachsinnen über die eigenen Motive und die Ziele ihres Handelns bleibt offenbar nachhaltig aus.

Konstruktive Kritik zu üben ist gewiss schwieriger als der verbale Rundumschlag. Doch allein konstruktive Kritik und positive Verstärkung vermögen die Fähigkeiten des Menschen zu heben. Geht es also um den Wunsch, es möge sich in den Texten der Plattform mehr Gehalt und Stil finden, verbieten sich herbe Kritik und Polemik.

Das zuchtmeisterliche Anprangern, das verbale in die Ecke stellen, das Verhöhnen vermeintlicher Versager, entspringt dem Wunsch, die Mitmenschen zu knechten und unter das Diktat der eigenen Meinung zu stellen. Und geradezu kindlich naiv findet man die Legitimation im eigenen IQ-Wert. Hier zeigt sich eine Gläubigkeit gegenüber den Instrumenten der angewandten Psychologie, die im genauen Gegensatz zur angeblichen Intelligenz steht. Dass ein IQ-Test nicht misst, was wir gemeinhin Klugheit und Verstand nennen, spricht eindeutig gegen den Test. Es ist völlig klar, dass der IQ-Test nur misst, was seine Autoren als Intelligenz definiert haben. Denn Intelligenz ist ein abstrakter Begriff, der nicht die tatsächlichen Prozesse im menschlichen Gehirn umfasst, sondern streng definierte Teilbereiche der gedanklichen Leistungsfähigkeit. Man muss hier berücksichtigen, woher dieser Test ursprünglich stammt und warum dieses Instrument entwickelt wurde.

In den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts löste der so genannte Sputnik-Schock in den USA heftige Aktivität des US-Militärs aus, technologisch wieder zur UDSSR aufzuschließen. Es galt rasch zusätzliche Wissenschaftler für die verschiedenen Forschungs- und Entwicklungsprojekte zu finden. Dazu benötigte man neue bessere Tests für das Einstellungsverfahren. Der Intelligenztest wie auch Kreativtests und andere Instrumente entstanden also aus dem Wunsch, geeignete Kandidaten für die Wissenschaft zu finden. Welche Eigenschaften zeichnen einen guten Wissenschaftler, Ingenieur oder Techniker aus? Diese Eigenschaften versuchte man zu definieren und auf dieser interessengeleiteten Definition basieren die Testaufgaben. Es ist eine rein pragmatische Sicht des Menschen damit verknüpft, die seiner Nützlichkeit in bestimmten Arbeitsprozessen.

Was zeichnet zum Beispiel einen guten Wissenschaftler aus, der sich mit der Entwicklung bakteriologischer Waffen beschäftigt? In jedem Falle seine Unbedarftheit gegenüber den Zielen seines Tuns. Es ist klar, dass Intelligenztests den Grad der Unbedarftheit nicht messen. Sie schließen geradezu aus, dass es neben den von ihnen festgeschriebenen gedanklichen Leistungen etwas anderes noch gäbe. Was sich nicht in einfache Formel fassen lässt, dazu lassen sich auch keine Testaufgaben konzipieren.

So muss man davon ausgehen, dass sich alle gedanklichen Prozesse höherer Ordnung mit einem IQ-Test nicht messen lassen.

Es geht um Verstand und Klugheit. Wenn mir jemand einmal einen Test zeigt, der diese Qualitäten zuverlässig misst, werde ich amusiert auf sein Testergebnis schauen. Denn es sagt dann auch nichts aus. Wer wirklich Verstand hat, misst ihn nicht in der gleichen Weise wie seinen Kopfumfang. Und wüsste er trotzdem das Ergebnis der Messung, würde er es wohl kaum auf seine Stirn tätowieren. Denn er hätte seinen Verstand im Kopf.

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