Nachtschwärmer Online – Sehen – Vergessen – Behalten

Fünf Etappen
Schlusskorrektur gegen 22:30 Uhr

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Wie schön, dich wieder zu sehen. Ich hatte dich schon vermisst und fürchtete zu vergessen, wie du aussiehst.

Komm, steig auf, wenn du eine Fahrkarte hast. Wir lassen Walheim hinter uns und rollen gen Kornelimünster. Allerdings müssen wir heute Nacht am Viadukt über den Klauserbach anhalten. Ich muss mich einmal erkundigen, warum es gesperrt wurde. Eventuell kann eine Draisine hinüber, denn wir wollen ja demnächst weiter reisen bis zum Ende der Strecke in Stolberg (Rhld).

Eisen auf Eisen rollt sich ab

Tock tock tock

Hinter der Straße haben wir den Vennbahnweg bei uns. Es ist ein beliebter Radweg, auf dem man bis Aachen fahren kann, ohne die vielen Anstiege aus den Tälern hoch keuchen zu müssen. Dieses Teilstück rechts der Gleise wurde erst vor einem Jahr etwa fertig gestellt. Man hat lange darum gerungen, weil im Buschwerk entlang der Gleisstrecke seltene Vögel nisten.

Das Rollen der Draisine wird sie nicht stören. Wir sind ja nur imaginär unterwegs, und so ein Fremdwort verstehen die Vögel nicht.

Wie findest du die Luft heut Nacht, meine Liebe? Tagsüber hat man fast 20 Grad gemessen. Jetzt ist es noch immer angenehm, eigentlich kein Kapuzenwetter mehr. Doch du musst es selbst wissen. Ich sehe dich gerne so. Es sieht im Dunkeln geheimnisvoll aus.

Warum ich fürchtete, dein Aussehen zu vergessen? Es war Spaß, nur ein bisschen ernst.

Denn im Sehen muss Vergessen liegen. Ein Bild, das unser Auge erfasst, muss sogleich vergessen sein, sobald wir den Blick auf etwas anderes richten. Sonst würden sich die Nachbilder wie Schichten übereinander legen und uns schier verrückt machen. Wer viel sieht, muss auch viel vergessen.

Tock tock tock

Deshalb zerstreut Fernsehen so sehr. Man bildet dabei keine Begriffe, denn sie behindern die Rezeption.

Ja, du hast Recht. Das Foto ist ein Nachbild. Das ist seine Stärke gegenüber dem Film.

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Rechts im Tal liegt Walheim-Hahn. Eigentlich wollte ich mit dir hinunter, damit du die Häuser aus dem hiesigen Blaustein einmal siehst. Wenn der frische Stein poliert ist, wirkt er blau. Im verwitterten Zustand ist er hellgrau. Doch ich dachte, du willst lieber zuerst ein Stück mit der Draisine fahren. Deshalb halten wir heute nicht.

tock tock tock

Schau, die Lichter sind auch ganz schön. Bei Tag ist der Blick ins Tal wirklich malerisch. Schilderachtig heißt es auf Niederländisch, denn man malte zuerst ja auf Schilder. Unser deutsches „schildern“ ist verwandt. Doch bei uns ist es nur ein Malen mit Worten. Oder ein Lautmalen wie das „Toch tock“ der Räder auf den Schienen.

Thema schauen und festhalten: Die Stärke der gegenständlichen Malerei gegenüber dem Foto ist, dass ein Gemälde die Summe der Nachbilder enthält, die dem Maler wichtig waren. Natürlich muss er dazu keine Fotoserie machen. Er schult sich in der Betrachtung und merkt sich die Sachverhalte, die ihm wichtig erscheinen. Man kann jedoch auch nach einem Foto malen. Es hängt vom Ziel der Malerei ab. Dazu will ich dir eine Geschichte erzählen …

Weiter nördlich, oberhalb von Kornelimünster liegt inmitten der Wiesen die gallo-romanische-Tempelanlage Varnenum, benannt nach dem Gott Varneno, den die hier ansässigen keltisierten Germanen verehrten. Der Tempelbezirk wurde vor einigen Jahrzehnten ausgegraben. Man sieht etwa hüfthohe Aufmauerungen aus Bruchstein. Die Mauern stehen auf den alten Fundamenten. Zum Süden hin sind sie deutlich höher, denn das Gelände fällt ab.

tock – tock – tock

Drüben, wo der kleine Wald beginnt, verlässt uns der Vennbahnweg. Wir fahren dann durchs Unterholz auf das Viadukt über den Klauserbach zu.

Keine Sorge, meine Liebe, ich bringe dich nicht in Gefahr. Wir halten gleich, und dann wandern wir durch die Wiesen hinüber zur Tempelstätte. Was? Das ist dir unheimlich?
Die Kühe sind im Stall, hoffe ich doch.

Kuhfladen? Gut, das überzeugt mich. Dann nehmen wir einen der asphaltierten Wirtschaftswege. Es geht wohl ein bisschen auf und ab. Doch du kannst ja meinen Arm nehmen. Ich muss dir nämlich etwas zeigen. Dazu nehme ich in Kauf, dich ein wenig anzustrengen. Allerdings wirkst du frisch und fit. Hübsch ist das.

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Sag mal, wusstest du eigentlich, dass ich einen Kartentick habe? Na ja, inzwischen hat er sich etwas gemildert. Doch es ist so, wenn ich irgendwo mit dem Rad unterwegs gewesen bin, will ich anschließend immer genau wissen, wie die Strecke verlaufen ist. Also gucke ich mir sie auf einer Karte an. So vervollständige ich meine innere Landkarte von der Welt, und natürlich fing ich irgendwann damit vor meiner Haustür an.

Jedenfalls habe ich mir einmal diese Gegend hier auf einer Karte im Maßstab 1:50.000 angeschaut. Ich hatte gelesen, dass die Ost-West-Ausrichtung bei Kultstätten immer schon wichtig gewesen war. Da sah ich auf der Karte, dass die Breiniger Kirche drüben und Varnenum genau auf der Ost-West-Achse lagen. Ich nahm ein Lineal und zog einen Strich. Da fand ich auf dieser Achse zehn Kultstätten, beginnend im Westen …

„Vorsicht, der Weg ist holprig. Nimm lieber meinen Arm.“

Hergenrather Wald: Hügelgräberfeld
Aachener Wald: Hügelgrab Wolfsberge
Weiler Grüne Eiche: Hügelgrab
Augustinerwald: Kirche auf dem Kasernengelände Hitfeld
Weiler Eich: Hügelgrab und Bilderstöckchen
Kornelimünster: Kloster, Bergkirche und der Tempel Varnenum
Breinig: Dorfkirche

Was sagst du, ist das nicht verrückt? Man sieht daran, dass sich in dieser Region die Religionen stark vermischt haben. Die Römer fanden nichts dabei, die heimischen Götter neben den ihren zu dulden. Das ist hier im Tempel Varnenum so gehandhabt worden.

Die Christen waren da weniger tolerant. Sie haben die Statuen der Matronen, die ursprünglich heidnische Schutzgöttinnen waren, einfach umgedeutet. Matronen sind meistens als Dreiergruppe dargestellt. Aus christlicher Sicht werden die drei dann zu Maria, Maria Magdalena und … wer war die dritte jetzt?

Vorne an in den Niederlanden gibt es eine Kirche, die auf einem heidnischen Opferplatz steht, wo vorher Menschenopfer dargebracht wurden. So haben es die Christen immer gemacht, die heidnischen Plätze einfach mit christlichen Bauten besetzt. Dann kam der Heide zum alten Kultplatz, und schon hatten sie ihn in der Kirche. Wasser über den Kopf, du bist ein Christ!

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Wir sehen die Tempelmauern bald. Sie sind ja aus dem hellgrauen Bruchstein gebaut, die zeigen sich auch im Dunkeln.

Wie ist es dir, meine Liebe, kannst du noch? Warte deine Müdigkeit wird bald vergehen, wenn wir den heiligen Bezirk betreten. Kannst dich ruhig an mich drücken, die Angst verfliegt gleich.

Dieser Platz, stell dich einmal auf die niedrige Mauer, und dreh dich genau nach Süden zum sanften Wiesental hin. Lass den Ort einmal auf dich wirken.

Spürst du das? Es ist ein besonderer Platz. Hier sind irgendwelche Kräfte am Werk. Ist es die laue Nachtluft? Ein Flirren rätselhafter Ströme in der Atmosphäre? Oder liegt diese positive Kraft tiefer. Irgendwo in der Erde. Und an besonderen Orten wie diesem hier strahlt sie auf?

Jedenfalls kamen die Menschen her, um sich mit dieser Energie aufzuladen. Und überall, wo sie diese Energie spürten, hatten sie ihre heiligen Plätze. Sie liegen witziger Weise alle auf der Ost-West-Linie.

Es ist doch egal, wie man die Kraft nennt, findest du nicht? Hauptsache, sie tut dir gut und du atmest auf.

Ist es eine göttliche Kraft? Die Kraft der Natur? Wenn ich ihr einen Namen gebe, mache ich sie begreifbar. Was wir einmal benannt haben, können wir erfassen. „Benannt, gebannt!“ So geht es sogar manchmal mit Krankheiten.

Also, o Kraft, wird danken dir und beten dich an. Wir nennen Dich Varneno, denn auf diese Weise können wir dich in unser Herz schließen und mitnehmen.

Denkst du nicht auch, meine Liebe, dass Religion so funktioniert?

Was ist dann ein Götze? Einer, den wir anbeten, obwohl er nicht über diese Kraft verfügt, sondern nur Sinnverwirrung stiftet. Geld heißt solch ein Götze.

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Ach ja, was ich dir erzählen wollte. Ich hatte einmal einen guten Freund, den ich aus den Augen verloren habe, den Jazzmusiker, von dem ich schon einmal erzählt habe. Er war ein sensibler und kunstsinniger Mann, doch ein bisschen skurril. Er trug zum Beispiel einen langen Bart und immer so einen australischen Hut. Jedenfalls ist ihm einmal eine Katze überfahren worden. Sie hieß „Molly Mietzke“. Er war so unruhig, als sie ausblieb, und dann fand er sie blutig in einem Straßengraben.

Er hat sich später hingesetzt, und seine Trauer in Musik umgewandelt. Es waren einige Stücke. Er spielte sie mit seiner Band ein und machte daraus ein Album. Dann fragte er mich, ob ich das Cover gestalten und eine Bilderfolge dazu zeichnen wolle.

Weißt du, was ich tat? Ich brachte ihn hierher. Er hatte sein Altsaxophon dabei, und ich sagte ihm, er solle auf einer der Mauern stehen und sein Instrument spielen.

Er hat gestanden, wo du jetzt stehst. So habe ich ihn fotografiert, damit ich ihn später zeichnen konnte, wie er mit seinem australischen Hut, seinem langen Bart und dem Altsaxophon auf den Mauern von Varnenum steht und „Molly Mietzke“ spielt.

Molly Mietzke waröm mösch datt sien
Du wohs wirr meke oss sorje
Molly Mietzke, dat mäkk kenne Senn
Vorr desch joff et keh morje

Das ist der Text, den er in seinem seltsamen Erkelenzer Dialekt geschrieben hat.

Ja, meine Liebe, das war jetzt ein langer Ausflug in die Frühlingsnacht. Ich hoffe, du hast die Kraft in dir aufgenommen und ihr einen guten Namen gegeben, damit du sie auch behältst.

Wir wenden jetzt einen Trick an, den wir den christlichen Heiligen klauen: Bilokation, die Fähigkeit an zwei Orten gleichzeitig zu sein. Gerade bist du noch hier, und wenn du dich umdrehst, bist du auch zu Hause.

Guck, es klappt!

Magst du noch einmal zurückkommen?

Der Kuss auf dein Haar.

Gute Nacht, meine Liebe

und vergiss nicht:
Lobe am Abend den Tag
(Spruchweisheit aus der Edda)

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