Nachtschwärmer Online – Sehen – Vergessen – Behalten

Fünf Etappen
Schlusskorrektur gegen 22:30 Uhr

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Wie schön, dich wieder zu sehen. Ich hatte dich schon vermisst und fürchtete zu vergessen, wie du aussiehst.

Komm, steig auf, wenn du eine Fahrkarte hast. Wir lassen Walheim hinter uns und rollen gen Kornelimünster. Allerdings müssen wir heute Nacht am Viadukt über den Klauserbach anhalten. Ich muss mich einmal erkundigen, warum es gesperrt wurde. Eventuell kann eine Draisine hinüber, denn wir wollen ja demnächst weiter reisen bis zum Ende der Strecke in Stolberg (Rhld).

Eisen auf Eisen rollt sich ab

Tock tock tock

Hinter der Straße haben wir den Vennbahnweg bei uns. Es ist ein beliebter Radweg, auf dem man bis Aachen fahren kann, ohne die vielen Anstiege aus den Tälern hoch keuchen zu müssen. Dieses Teilstück rechts der Gleise wurde erst vor einem Jahr etwa fertig gestellt. Man hat lange darum gerungen, weil im Buschwerk entlang der Gleisstrecke seltene Vögel nisten.

Das Rollen der Draisine wird sie nicht stören. Wir sind ja nur imaginär unterwegs, und so ein Fremdwort verstehen die Vögel nicht.

Wie findest du die Luft heut Nacht, meine Liebe? Tagsüber hat man fast 20 Grad gemessen. Jetzt ist es noch immer angenehm, eigentlich kein Kapuzenwetter mehr. Doch du musst es selbst wissen. Ich sehe dich gerne so. Es sieht im Dunkeln geheimnisvoll aus.

Warum ich fürchtete, dein Aussehen zu vergessen? Es war Spaß, nur ein bisschen ernst.

Denn im Sehen muss Vergessen liegen. Ein Bild, das unser Auge erfasst, muss sogleich vergessen sein, sobald wir den Blick auf etwas anderes richten. Sonst würden sich die Nachbilder wie Schichten übereinander legen und uns schier verrückt machen. Wer viel sieht, muss auch viel vergessen.

Tock tock tock

Deshalb zerstreut Fernsehen so sehr. Man bildet dabei keine Begriffe, denn sie behindern die Rezeption.

Ja, du hast Recht. Das Foto ist ein Nachbild. Das ist seine Stärke gegenüber dem Film.

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Rechts im Tal liegt Walheim-Hahn. Eigentlich wollte ich mit dir hinunter, damit du die Häuser aus dem hiesigen Blaustein einmal siehst. Wenn der frische Stein poliert ist, wirkt er blau. Im verwitterten Zustand ist er hellgrau. Doch ich dachte, du willst lieber zuerst ein Stück mit der Draisine fahren. Deshalb halten wir heute nicht.

tock tock tock

Schau, die Lichter sind auch ganz schön. Bei Tag ist der Blick ins Tal wirklich malerisch. Schilderachtig heißt es auf Niederländisch, denn man malte zuerst ja auf Schilder. Unser deutsches „schildern“ ist verwandt. Doch bei uns ist es nur ein Malen mit Worten. Oder ein Lautmalen wie das „Toch tock“ der Räder auf den Schienen.

Thema schauen und festhalten: Die Stärke der gegenständlichen Malerei gegenüber dem Foto ist, dass ein Gemälde die Summe der Nachbilder enthält, die dem Maler wichtig waren. Natürlich muss er dazu keine Fotoserie machen. Er schult sich in der Betrachtung und merkt sich die Sachverhalte, die ihm wichtig erscheinen. Man kann jedoch auch nach einem Foto malen. Es hängt vom Ziel der Malerei ab. Dazu will ich dir eine Geschichte erzählen …

Weiter nördlich, oberhalb von Kornelimünster liegt inmitten der Wiesen die gallo-romanische-Tempelanlage Varnenum, benannt nach dem Gott Varneno, den die hier ansässigen keltisierten Germanen verehrten. Der Tempelbezirk wurde vor einigen Jahrzehnten ausgegraben. Man sieht etwa hüfthohe Aufmauerungen aus Bruchstein. Die Mauern stehen auf den alten Fundamenten. Zum Süden hin sind sie deutlich höher, denn das Gelände fällt ab.

tock – tock – tock

Drüben, wo der kleine Wald beginnt, verlässt uns der Vennbahnweg. Wir fahren dann durchs Unterholz auf das Viadukt über den Klauserbach zu.

Keine Sorge, meine Liebe, ich bringe dich nicht in Gefahr. Wir halten gleich, und dann wandern wir durch die Wiesen hinüber zur Tempelstätte. Was? Das ist dir unheimlich?
Die Kühe sind im Stall, hoffe ich doch.

Kuhfladen? Gut, das überzeugt mich. Dann nehmen wir einen der asphaltierten Wirtschaftswege. Es geht wohl ein bisschen auf und ab. Doch du kannst ja meinen Arm nehmen. Ich muss dir nämlich etwas zeigen. Dazu nehme ich in Kauf, dich ein wenig anzustrengen. Allerdings wirkst du frisch und fit. Hübsch ist das.

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Sag mal, wusstest du eigentlich, dass ich einen Kartentick habe? Na ja, inzwischen hat er sich etwas gemildert. Doch es ist so, wenn ich irgendwo mit dem Rad unterwegs gewesen bin, will ich anschließend immer genau wissen, wie die Strecke verlaufen ist. Also gucke ich mir sie auf einer Karte an. So vervollständige ich meine innere Landkarte von der Welt, und natürlich fing ich irgendwann damit vor meiner Haustür an.

Jedenfalls habe ich mir einmal diese Gegend hier auf einer Karte im Maßstab 1:50.000 angeschaut. Ich hatte gelesen, dass die Ost-West-Ausrichtung bei Kultstätten immer schon wichtig gewesen war. Da sah ich auf der Karte, dass die Breiniger Kirche drüben und Varnenum genau auf der Ost-West-Achse lagen. Ich nahm ein Lineal und zog einen Strich. Da fand ich auf dieser Achse zehn Kultstätten, beginnend im Westen …

„Vorsicht, der Weg ist holprig. Nimm lieber meinen Arm.“

Hergenrather Wald: Hügelgräberfeld
Aachener Wald: Hügelgrab Wolfsberge
Weiler Grüne Eiche: Hügelgrab
Augustinerwald: Kirche auf dem Kasernengelände Hitfeld
Weiler Eich: Hügelgrab und Bilderstöckchen
Kornelimünster: Kloster, Bergkirche und der Tempel Varnenum
Breinig: Dorfkirche

Was sagst du, ist das nicht verrückt? Man sieht daran, dass sich in dieser Region die Religionen stark vermischt haben. Die Römer fanden nichts dabei, die heimischen Götter neben den ihren zu dulden. Das ist hier im Tempel Varnenum so gehandhabt worden.

Die Christen waren da weniger tolerant. Sie haben die Statuen der Matronen, die ursprünglich heidnische Schutzgöttinnen waren, einfach umgedeutet. Matronen sind meistens als Dreiergruppe dargestellt. Aus christlicher Sicht werden die drei dann zu Maria, Maria Magdalena und … wer war die dritte jetzt?

Vorne an in den Niederlanden gibt es eine Kirche, die auf einem heidnischen Opferplatz steht, wo vorher Menschenopfer dargebracht wurden. So haben es die Christen immer gemacht, die heidnischen Plätze einfach mit christlichen Bauten besetzt. Dann kam der Heide zum alten Kultplatz, und schon hatten sie ihn in der Kirche. Wasser über den Kopf, du bist ein Christ!

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Wir sehen die Tempelmauern bald. Sie sind ja aus dem hellgrauen Bruchstein gebaut, die zeigen sich auch im Dunkeln.

Wie ist es dir, meine Liebe, kannst du noch? Warte deine Müdigkeit wird bald vergehen, wenn wir den heiligen Bezirk betreten. Kannst dich ruhig an mich drücken, die Angst verfliegt gleich.

Dieser Platz, stell dich einmal auf die niedrige Mauer, und dreh dich genau nach Süden zum sanften Wiesental hin. Lass den Ort einmal auf dich wirken.

Spürst du das? Es ist ein besonderer Platz. Hier sind irgendwelche Kräfte am Werk. Ist es die laue Nachtluft? Ein Flirren rätselhafter Ströme in der Atmosphäre? Oder liegt diese positive Kraft tiefer. Irgendwo in der Erde. Und an besonderen Orten wie diesem hier strahlt sie auf?

Jedenfalls kamen die Menschen her, um sich mit dieser Energie aufzuladen. Und überall, wo sie diese Energie spürten, hatten sie ihre heiligen Plätze. Sie liegen witziger Weise alle auf der Ost-West-Linie.

Es ist doch egal, wie man die Kraft nennt, findest du nicht? Hauptsache, sie tut dir gut und du atmest auf.

Ist es eine göttliche Kraft? Die Kraft der Natur? Wenn ich ihr einen Namen gebe, mache ich sie begreifbar. Was wir einmal benannt haben, können wir erfassen. „Benannt, gebannt!“ So geht es sogar manchmal mit Krankheiten.

Also, o Kraft, wird danken dir und beten dich an. Wir nennen Dich Varneno, denn auf diese Weise können wir dich in unser Herz schließen und mitnehmen.

Denkst du nicht auch, meine Liebe, dass Religion so funktioniert?

Was ist dann ein Götze? Einer, den wir anbeten, obwohl er nicht über diese Kraft verfügt, sondern nur Sinnverwirrung stiftet. Geld heißt solch ein Götze.

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Ach ja, was ich dir erzählen wollte. Ich hatte einmal einen guten Freund, den ich aus den Augen verloren habe, den Jazzmusiker, von dem ich schon einmal erzählt habe. Er war ein sensibler und kunstsinniger Mann, doch ein bisschen skurril. Er trug zum Beispiel einen langen Bart und immer so einen australischen Hut. Jedenfalls ist ihm einmal eine Katze überfahren worden. Sie hieß „Molly Mietzke“. Er war so unruhig, als sie ausblieb, und dann fand er sie blutig in einem Straßengraben.

Er hat sich später hingesetzt, und seine Trauer in Musik umgewandelt. Es waren einige Stücke. Er spielte sie mit seiner Band ein und machte daraus ein Album. Dann fragte er mich, ob ich das Cover gestalten und eine Bilderfolge dazu zeichnen wolle.

Weißt du, was ich tat? Ich brachte ihn hierher. Er hatte sein Altsaxophon dabei, und ich sagte ihm, er solle auf einer der Mauern stehen und sein Instrument spielen.

Er hat gestanden, wo du jetzt stehst. So habe ich ihn fotografiert, damit ich ihn später zeichnen konnte, wie er mit seinem australischen Hut, seinem langen Bart und dem Altsaxophon auf den Mauern von Varnenum steht und „Molly Mietzke“ spielt.

Molly Mietzke waröm mösch datt sien
Du wohs wirr meke oss sorje
Molly Mietzke, dat mäkk kenne Senn
Vorr desch joff et keh morje

Das ist der Text, den er in seinem seltsamen Erkelenzer Dialekt geschrieben hat.

Ja, meine Liebe, das war jetzt ein langer Ausflug in die Frühlingsnacht. Ich hoffe, du hast die Kraft in dir aufgenommen und ihr einen guten Namen gegeben, damit du sie auch behältst.

Wir wenden jetzt einen Trick an, den wir den christlichen Heiligen klauen: Bilokation, die Fähigkeit an zwei Orten gleichzeitig zu sein. Gerade bist du noch hier, und wenn du dich umdrehst, bist du auch zu Hause.

Guck, es klappt!

Magst du noch einmal zurückkommen?

Der Kuss auf dein Haar.

Gute Nacht, meine Liebe

und vergiss nicht:
Lobe am Abend den Tag
(Spruchweisheit aus der Edda)

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29 Kommentare zu Nachtschwärmer Online – Sehen – Vergessen – Behalten

  1. Mit den Straßenkarten hatte ich das auch schon mal gemacht, war ganz erstaunt das die Dörfer nicht in derselben Geographischen Lage zu sehen wahren wie ich sie in meinem Kopf aufgezeichnet hatte.
    Eine Ortschaft die ich nicht kenne muss ich meist Mühevoll auf der Karte suchen, noch Schwieriger ist das Umdenken von Karte zur Logischen Route die ich fahren müsste.
    Ich komme immer an, nur wann.

    • Das Problem habe ich bei Google Earth. Wenn ich die Landschaft zu nahe heranhole, verliere ich die Zusammenhänge, weil die Dinge von oben eben ganz anders aussehen.

      Männer sagt man ein besseres räumliches Orientierungsvermögen nach, da sie sich in der Frühzeit bei der Jagd oft in unbekanntem Gelände bewegen mussten.

      Und bei Leuten wie Dir, Bernhard, ist der Weg doch oft das Ziel, oder 😉

    • Das Johannes-Evangelium berichtet für diesen Personenkreis zum Zeitpunkt der Kreuzigung: „Es standen aber bei dem Kreuz Jesu seine Mutter und seiner Mutter Schwester, Maria, die Frau des Klopas , und Maria von Magdala.“ (19,25)

      • sind die drei matronen denn die frauen unter dem kreuz? bei lukas finden sich nämlich noch andere namen:

        Und es begab sich danach, daß Er reiste durch Städte und Märkte, und predigte und verkündete das Evangelium vom Reich Gottes, und die Zwölf mit ihm, dazu etliche Weiber¼ nämlich Maria, die da Magdalena heißt¼ und Johanna, das Weib Chusas, des Pflegers des Herodes, und Susanna und viel andere, die ihm Handreichung taten von ihrer Habe.“ Lukas 8:1-3

        und was ist mit den dreien, die zum grab kommen, welces sie dann leer finden? da sind es salome, maria aus magdala und maria, die mutter des jakobus

        • das weiß ich nicht, ich bin davon ausgegangen, das Jules die dreier Gruppe der Frauen unter dem Kreuz gemeint hat.
          Natürlich finden sich in der Bibel noch zahlreiche andere Frauengestalten. Denkbar wären auch Anna ( die Mutter Marias), und Elisabeth, die Mutter Johannes des Täufers,diese Beiden werden oft als Begleiterinnen der Gottesmutter dargestellt.
          Da die 3 Matronen Muttergotterheiten darstellten ist eine Übertragung der mütterlichen Segensgaben auf diese Beiden zumindest denkbar. Allerdings neige ich persönlich zu der Analogie der drei Frauen unterm Kreuz.

          Salome ist übrigens auch eine Schwester Marias, nach dem was ich gefunden hab zumindest. Und seinen Jüngern Jakobus und Johannes hat Christus kurz vor seinem Tod das Wohl seiner Mutter ans Herz gelegt, sie sollten für sie sorgen. Also, ist durchaus denkbar das die dritte Frau Maria, die Mutter des Jakobus war.

          Wie dem auch sei, es bleibt Spekulation. Wichtig finde ich nur, dass sich der Glaube, auch an eine Muttergottheit, durch die Jahrtausende auch in der Marienverehrung erhalten hat.
          Lg Anne

          • elisabeth war auch der name, der mir spontan auf der zunge lag, bevor ich gelesen hatte.

            marienverehrung, wie sollte ich da nein sagen, das hieße, meinem taufnamen zu spotten 😉

            beste grüße

            marion maria 🙂

            • Liebe Anne, liebe Marion,

              zu eurer sach- und bibelkundigen Diskussion kann ich zur Zeit nichts Erhellendes beitragen. Im Internet bin ich nicht fündig geworden, und wo ich mir das einmal notiert habe, weiß ich nicht, denn mein Register für meine Tagebücher ist weg.

              Das hat allerdings den Vorteil, dass ich beim Suchen meistens andere interessante Sachverhalte finde, so dass die Suche zum kreativen Prozess wird.

              Doch es ist ungemein interessant, was Ihr schreibt. Vielen Dank für die Suche. So hat es auch einen Vorteil, wenn ich einmal etwas nicht so genau weiß.

              Lieben Gruß
              Euer
              Jules

  2. ich bin manchmal nicht ganz bei mir ist das dann Bilokation ?
    Sinnverwirrung – stiften das nicht auch die Götter ?

    mlg reinhold

    • Vorausgesetzt, man sieht Dich am anderen Ort auch, wenn Du einmal nicht bei Dir bist. Wenn allein Deine Aufmerksamkeit sich im Tagtraum verliert, ist es leider keine Bilokation.
      Trotzdem ist es doch schön, manchmal nicht ganz bei sich zu sein. Sich in einer schönen Tätigkeit zu verlieren, dass man alles um sich herum vergisst, sogar sich selbst – manche Glücksforscher nennen es FLOW, das wahre Glück.

      Ich finde, Götter stiften die Verwirrung nicht, sondern Menschen, die sich zu sehr in einer Religion verlieren und zu Eiferern werden.

  3. Ein schöne Geschichte, lieber Jules.
    Es lässt mich wieder über Dialekte grübeln.
    Warum gibt es die eigentlich in (so extremen) Ausformungen?
    Ich versteh ja gar nix!

    • Danke, dass Du fragst, liebe Nadine, es ist ein Thema, das ich interessant finde. Erkelenz liegt ziemlich nah der Bennrather Linie. Es ist eine Sprachgrenze, die man auch Machen-Maken-Linie nennt. Nördlich dieser Linie wird Löffel zu Löpel, Kessel zu Ketel, machen zu maken, ich zu ik. Wenn nun ein Ort nahe der Sprachgrenze liegt, verwischen sich die sprachlichen Besonderheiten, und heraus kommt z.B. Erkelenzer Platt, das mir wie der Dialekt der Hölle klingt.

      • Wie, du meinst der Teufel spricht platt?
        Dann versteh ich ihn ja nicht. Muss ich mich wohl doch noch geschlechtsumwandeln und heilig sprechen lassen 😉

        • Rousseau sagt, der Dialekt ist die Seele der Sprache. Also wird der Teufel auch einen Dialekt sprechen, denn er hantiert ja nur mit Seelen.
          Demnach wird Hochdeutsch auch im Himmel nicht reichen.

          Schaff Dir einfach ein paar Dialekte drauf. Dann kannst Du auch als Comedien auftreten.

  4. Was ist das für ein Jazzer? Wenn er ein Album gemacht hat gibt es seine Musik ja sicher irgendwo zu hören/kaufen?

    Jazz lebt von Emotionen, Musik sollte das allgemein, so sind tiefe wahre Gefühle, wie der Tod seiner Molly Mietzke sicherlich gut zu verarbeiten gewesen. Der Mensch hat wenigstens ein hervorragendes Ventil.

    (ich hab nur mein Blog…) 😉

    • Die Band hat sich Ende der 90er aufgelöst. Sie hieß „Die gurrenden Truthähne“. Sie haben zunehmend in Erkelenzer Platt gesungen, was für den einfachen Hörer so angenehm ist wie Harzer Roller für die Nase.

      Dein Blog ist auch eine gut Form, und du spielst doch mit den Möglichkeiten des Internets wie auf einem Instrument.

  5. Guten Morgen Jules,
    Und du bezeichnest dich als Agnostiker? 😉

    Die Frage „Gibt es einen Gott?“ wird vom Agnostizismus dementsprechend nicht mit „Ja“ oder „Nein“, sondern mit „Es ist nicht bekannt“, „Es ist nicht beantwortbar“ oder mit „Es spielt keinerlei Rolle“ beantwortet. Er stellt eine Weltanschauung dar, die insbesondere die prinzipielle Begrenztheit menschlichen Wissens betont. Angesichts der aus seiner Sicht unzureichenden Informationen lehnt es der Agnostizismus ab, einen Glauben an die Existenz oder Nichtexistenz von Göttern anzunehmen.(Quelle Wikipedia)

    Also, mein ‚Nachbild‘ meine Erinnerung, meine Interpretation und die dabei gespürte Emotion deiner nächtlichen Ausflüge ist eine gänzlich „un-agnostische“! Ich nehme einen Menschen wahr, der staunend und liebevoll eine Welt beschreibt, in der die magischen ‚Orte der Kraft‘ zufällig ?!‘ auf einer Ost- West- Linie liegen.

    Es ist doch egal, wie man die Kraft nennt, findest du nicht? Hauptsache, sie tut dir gut und du atmest auf.
    Ist es eine göttliche Kraft? Die Kraft der Natur? Wenn ich ihr einen Namen gebe, mache ich sie begreifbar. Was wir einmal benannt haben, können wir erfassen. „Benannt, gebannt!“ So geht es sogar manchmal mit Krankheiten.

    Nun, zufällig oder nicht, ist irrelevant. Ich habe da eine sehr agnostische Meinung zu Zufällen. Die Möglichkeit des Zufalles ist in meinem Weltbild genauso groß/klein wie die Möglichkeit einer gewollten Fügung.
    Ich würde gern einmal nachsehen ob dein Blog „ganz, rein zufällig“ auf einer Ost- West- Linie liegt. Auf alle Fälle ist es für mich ein magischer Ort.

    Vor vielen Jahren habe ich mal ein Gedicht geschrieben über solche magischen Orte. Leider ist der Text bei einem Wasserschaden verloren gegangen und die meisten Strophen dieses Gedichtes habe ich vergessen, bzw, ich kann sie im Moment nicht finden in meinen Gedankenspeichern. Aber einen Teil hab ich behalten:

    Es war als sängen nur für mich
    die Vögel in den Bäumen,
    und nähme die Welt,
    einen Augenblick Zeit sich,
    vom Paradies zu träumen.

    Mag das Hirn es leugnen,
    mein Herz, es begreift:
    Eben hat mich,
    für einen Augenblick,
    der Atem der Schöpfung gestreift.

    (c) Anne V.

    Lieber Jules, danke für das Teilhaben lassen, an deinen Ausflügen. Heute haben mir deine Worte, nach einem furchtbar depressiven, gestrigen Tag, das bissel „Morgenduft“ ins Gesicht geweht, dass ich brauchte um weiter zu machen. Ganz rein zufällig, oder etwa nicht?

    LG und *Pling* auf die Magie
    Anne

    • Liebe Anne,

      Zunächst einmal: Dein Gedicht ist sehr schön, „Der Atem der Schöpfung“, ja, den kann man in der Natur spüren, wobei ich „Schöpfung“ einmal einfach so nehme. Mit dem Herzen spüren und dem Kopf verarbeiten, mit den Händen ausdrücken, das hast Du getan.
      Du erinnerst mich an den literarischer Trick zu sagen, es gäbe noch mehr Text, er sei leider verloren. Gewiss ist es bei Dir anders, doch in jedem Fall wird man neugierig und weiß jede erhaltene Zeile zu schätzen. Trotzdem, das muss ich demnächst einmal machen. Und weil ich es mit Ansage mache, muss ich mich sehr anstrengen, damit es nicht auffällt.
      Habs eigentlich schon oben im Kommentar getan, als ich behauptete, mein Register für die Tagebücher sei weg. Freilich ist ein Register kein poetischer Text.

      Du hast mich ertappt, was den Agnostiker betrifft. Bei mir ist die agnostische Haltung eigentlich überall vorhanden. Doch im Hinblick auf den Glauben an einen Gott, ist sie nicht dauerhaft fest. Wenn ich ganz bei mir bin, spüre ich magische Momente. Dann muss ich einfach zugeben, dass da eine Kraft ist, die ich nicht erklären kann.

      Doch dann wieder schaue ich nüchtern auf die Welt. Irgend etwas zerrt an meinem Zentrum, ein Mitmensch, die Verhältnisse, Ansprüche an mich, Sorgen. Dann spüre ich keine gute Magie, also ist auch mein Glaube weg.

      Es ist nicht zu leugnen, der Mensch hat immer schon gespürt, dass es mehr in seiner Welt gibt, als er erklären kann. Findet er einen scheinbaren Verursacher, beginnt er an dessen Wirken zu glauben. Eine solche Einstellung habe ich nicht. Einen Verursacher brauche ich nicht. Denn gibt es ihn, ist er außerhalb des Begreifbaren.

      Wenn man viel über solche Fragen nachdenkt, kommt man nie zu endgültigen Antworten. Weder Gottesbeweis noch das Gegenteil ist möglich. Fände man einen Gottesbeweis, ginge es nicht mehr um Glauben, sondern um Wissen. Doch was wäre das für ein Gott, den man messen und vermessen kann?

      Was mich umtreibt: Ich will die Erfahrungen der Alten kennen, denn man kann viele Erscheinungen der heutigen Welt besser verstehen, wenn man weiß, woher ein bestimmtes Denken stammt. Das ist ein Forschen ohne Ende. Wenn ich die Dinge in einer Landschaft verorte, sind sie mir immer präsent, wenn ich die innere Landkarte aufrufe. Es ist ein Ordnungsverfahren der Erinnerung, das ich intuitiv betreibe. Du kennst gewiss ähnliches.

      Mein Rechner ist tatsächlich nach Osten ausgerichtet, ich schaue jetzt durch ein hohes Fenster genau nach Osten. Mein Bett will ich auch immer so stellen, allerdings mit den Füßen nach Osten, wenns geht, damit mich der neue Tag nicht direkt beim Kopf erwischt.

      Es freut mich so sehr, dass der Nachtschwärmer Dir gut tut, wenn es dunkel in Deinem Herzen ist. Verwahre es gut, möchte ich sagen. Falls Magie im Spiel ist, kommt sie nämlich nicht von mir. Ich bin allenfalls der Mittler, und zwar noch in einem anderen Sinne. Ich glaube Tolstoi hat gesagt, ein künstlerisches Werk gehört nicht dem Autor. Es schöpft es aus dem Wissen und den Erfahrungen der sozialen Gemeinschaft.

      Auf die gute Magie
      Dein Jules

      • Guten Abend und danke für das Lob. Tatsächlich ist mir eine ganze umfangreiche Mappe mit Gedichten und Kurzgeschichten vor einigen Jahren, im wahrsten Sinn des Wortes, den Bach runter gegangen. Und da viele schon in den 70er und 80er-Jahren geschrieben waren und nicht alle Duplikate hatten sind halt einige nur noch rudimentär vorhanden.

        Übrigens blicke ich auch über meinen Recher nach Osten, und ich schlafe mit den Füßen gegen den Sonnenaufgang. So ein Zufall.

        einen schönen Abend
        *pling* mit Tee an den Monitor stubbst*
        deine Anne

  6. Guten Morgen,

    bin gerade in Eile und werde gegen Mittag auf Eure Kommentare antworten.

    Bis dann
    Lieben Gruß
    Trithemius

  7. Lieber Trithemius,

    ob der vielen vorstehenden Kommentare, möchte ich an dieser Stelle einfach „nur“ danke sagen; dafür, dass du uns immer wieder aufs Neue verzauberst mit dieser Kraft, die von deinen lebendigen – bildhaften – Erzählungen ausgeht.

    Danke, dass es dieses Teppichhaus – dich als auch Frau Nettesheim – gibt!

    Liebe Grüße, auch an Frau Nettesheim
    Ihre treue Kundin
    Mikage

    • Wie schön, dass das Teppichhaus solch liebenswerte Besucherinnen hat. Da macht es Freude, neue Ware zu wirken, Teppich zu verlegen und was Teppichhändler halt sonst so tun. Und Du weißt, liebe Mikage, Teppichhändler tun auch immer etwas sentimental. So also schmelze ich dahin ob Deines Lobes.

      Frau Nettesheim bedankt sich ebenfalls, sie ist Dir sehr zugetan.

      Liebe Grüße
      Dein
      Trithemius

  8. Ich muss gestehen, ich bin schwarzgefahren, da ich keine Fahrkarte hatte 😉
    Das war für mich denn auch um eine Spur gruseliger als üblich, aber weil es in diesem Beitrag unter vielem anderen auch um eine arme Sünderin ging, möge man es mir ausnahmsweise nachsehen.
    Beeindruckt war ich vom Saxophonspieler, den du überdies noch als Bild nachgereicht hast, und mit der fast nebenbei erwähnten Kurzinterpretation der allzeit aktuellen Götzenverehrung hast du einen weiteren Denkanstoß geliefert.
    Wenn alle Schwarzfahrer von ihren Reisen so viel mitnehmen, wie ich von solchen Fahrten mit Trithemius zu profitieren pflege, sollte es eigentlich keine Fahrkarten mehr geben müssen …
    Gruß, Jessie

    • aber riverjessie,

      also schäm dich! gerade dann sollte man doch nicht schwarzfahren, wenn man davon so profitiert 😉

      lg
      marion

    • Liebe Jessie,

      selbstverständlich war das mit der Fahrkarte nur ein Spaß, so dass Du mit Fug und Recht mitfahren konntest. Das gilt auch für alle weiteren Fahrten.

      Ich danke Dir für Dein freundliches Lob, auch was das Bild betrifft, dessen Original leider verschollen ist.

      Das Motto des Teppichhauses ist: Klaut alles!
      Die Ergänzung: Fahr schwarz oder weiß, wie du willst, wobei Schwarzfahren unkommentiertes Lesen ist.

      Schöne Grüße
      Jules

  9. Marion,
    jetzt, wo du es so direkt erwähnst …
    ich bin geknickt … 😉

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