Nachtschwärmer Online – Die Biographie der Dinge

Drei Etappen

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So einen langen grauen Gründonnerstag, wo kann man ihn am besten ausklingen lassen? Willst du einmal mit mir in eine ganz kleine Welt schauen? In die Welt der Hosentaschen? Was es da zu sehen gibt? Heutzutage eher wenig. Wegen der Verbreitung der elektrischen Waschmaschinen sammelt sich in den Hosentaschen nicht viel an. Da findet sich vielleicht ein kleiner brauner Fleck im hellen Taschenfutter von einer Ein-Cent-Münze, die einmal mit gewaschen wurde.

Doch in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts hat der russische Schriftsteller Sergej Tretjakow in einer Jugendzeitschrift einen wundersamen Aufruf gestartet. Du weißt, die damalige Sowjetunion war riesig groß. Da gab es in den verschiedenen Ländern der Union sehr unterschiedliche Lebensverhältnisse. Tretjakov schrieb: „Kinder, Leser der Pionerskaja Pravda! Wollen wir zusammen ein Buch schreiben. In diesem Buch wird erzählt werden, was sich in euren Taschen befindet. Das ist nichts zum Lachen.“

Kinder von Metallarbeitern, Kolchosearbeitern, Zimmerleuten, Hirten, Nomaden, Jägern usw. sollten ihre Hosentaschen umstülpen und den Inhalt ohne Scham beschreiben. Die Geschichten, die auf diese Weise erzählt wurden, handelten nur scheinbar von den Dingen aus den Hosentaschen. In Wahrheit gaben sie Auskunft über die Eigentümer, und so wurden aus den Biographien der Dinge unbemerkt autobiographische Notizen.

Tretjakow erinnerte seine jungen Leser an den Tascheninhalt von Tom Sawyers. Er hatte ja Nägel, Zwirn, Zettelchen und sogar eine krepierte Ratte bei sich. Solch absonderliche und skurrile Gegenstände kann man heute nicht mehr erwarten. Doch es ist noch immer ein schöner Erzählanlass über einen Gegenstand in seinem Besitz zu schreiben.

In jedem Haushalt gibt es irgendwo eine Kramlade, worin sich all die seltsamen und nutzlosen Dinge ansammeln. Die meisten haben den Weg dorthin über die Zwischenstation Hosentasche gefunden. Vermutlich birgt jede einzelne Kramlade so etwas wie eine Familiengeschichte. Man kann sich wie ein Familienhistoriker darin betätigen.

Magst du eine solche Geschichte hören, meine Liebe? Es ist die Geschichte eines Goldtalers. Ich habe mich daran erinnert, weil ich gestern die Mutter des kleinen Mädchens wieder sah, das mir die Geschichte einmal erzählt hat. Ihr Großvater hat sie erlebt, als er ein kleiner Junge war.

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Dieser Goldtaler befindet sich im Besitz der Familie. Man hat ihn vom Großvater geerbt. Er lebte als kleiner Junge in einem Dorf in den Österreichischen Alpen. Das Elternhaus lag etwas abseits des Dorfes. Jeden Abend musste Junge ins Dorf laufen, um beim Bauern Milch zu holen.

Einmal hörte er vom Marktplatz her Marschmusik. Er lief hin und staunte die Militärkapelle an. Erst nach einer Weile riss er sich los und ließ sich beim Bauern die Milchkanne füllen. Jetzt musste er sich beeilen. Auf dem Weg stolperte er und stürzte mit dem Knie in einen rostigen Nagel.

Sein Vater schimpfte mit ihm, denn der Junge kam viel zu spät zurück und hatte auch noch Milch verschüttet. Deshalb wagte er nicht, von seinem Unglück zu erzählen und legte sich mit seinem wunden Knie ins Bett.

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Am nächsten Morgen war das Knie angeschwollen, und der Junge war fiebrig. Man brachte ihn in die Stadt ins Krankenhaus. Dort legte man ihn in einen großen Krankensaal, in dem Verwundete des ersten Weltkriegs lagen.

Einige Tage später erwartete man Besuch vom Kaiser. Das Krankenhaus war in heller Aufregung, und der Direktor wollte nicht, dass der Kaiser die vielen Kriegsverletzten zu sehen bekam. So ließ er sie alle in den Keller bringen.

Als der Kaiser mit seinem Gefolge den Krankensaal betrat, fand er nur den Jungen in seinem Bett. Er begrüßte den Jungen, sprach mit ihm, und als er sich abwenden wollte, rief der Junge ihn zurück.
Er sagte leise:
„Willst du wissen, wo die anderen sind?“
„Ja, gibt es denn noch andere?“
„Schau einmal im Keller nach.“

Da war der Kaiser so gerührt, dass er dem Jungen einen Goldtaler schenkte.

Es ist allerdings nicht überliefert, ob der Kaiser auch wirklich im Keller nachgesehen hat.

Gute Nacht, meine Liebe

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