Nachtschwärmer Online – Intarsien

Fünf Etappen

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Ich habe heißen Tee in einer Thermoskanne, und du hast dich gut eingepackt, meine Liebe. Dann trauen wir uns auch von Roetgen weiter hoch auf den Vennsattel. Wir fahren bis Lammersdorf. Dort wird es noch kühler sein als hier.

Wie fühlst du dich? Plagt dich auch die Frühjahrsmüdigkeit?
Gut, wenn du sie noch hast. Es ist ein Zeichen der Jugend. Ich spüre die Frühjahrsmüdigkeit nicht mehr, ich bin immer müde.

Jetzt guck nicht so, es ist ein Spaß. Doch ich hatte einen Kollegen, der einschlief, wo er ging und stand. Einmal ist er mitten in einer Unterhaltung mit mir eingeschlafen. Wir saßen entfernt voneinander und redeten über die Tische hinweg. Plötzlich dachte ich, nanu, warum antwortet er nicht mehr. Da hörte ich ihn schnarchen.

Komm, lass ihn einfach, wir fahren jetzt. Du wunderst dich, dass ich eine Plane über die Draisine gelegt habe? Na ja, du sollst doch auf trockenen Planken sitzen. Denn falls man es bei euch in der Gegend nicht kennt; was du da im Lichtkegel der Laterne siehst, nennen wir Regen.

Es wird ziemlich romantisch sein, mit einer Draisine über das stille Gleis durch einen Regenschleier zu fahren. Vorausgesetzt, du verträgst Regentropfen auf deinen Wangen.
Ja? Also gut, ich helfe dir auf die Draisine.

Wir fahren zunächst weiter durch den Ort. Die Strecke führt bald über einen Damm und wir überqueren einige kleine Straßenbrücken.

Eisen auf Eisen rollt sich ab – tocktock

Übrigens hat Roetgen schon einmal in der New York Times gestanden.

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In dieser Region hat im 2. Weltkrieg die Ardennenschlacht gewütet. Am 17. September 1944 rollten die Amerikaner mit ihren Panzern in Roetgen ein. Wenig später brachte die »New York Times« die Schlagzeile: »Die Stadt Roetgen ist erobert«. Man war nämlich froh um jeden Meter Terrain, den man hier gewann. Deshalb machten sie Roetgen zur Stadt.

Roetgen ist ein Grenzort. Dort drüben im Wald gibt es alte Schmugglerpfade. Mancher Roetgener betrieb nach dem Krieg einen regen Handel mit Kaffee, Zigaretten und dergleichen Zeug. Es muss ziemlich gefährlich gewesen sein, die Ware aus Eupen herüber zu holen. Die Pfade führen stellenweise durchs Moor. Es kam auch gelegentlich zu Schießereien zwischen Schmugglern und Zöllnern. Doch es wird von einem Kellner berichtet, dessen wirtschaftliche Macht so groß war, dass man ihm das Schmuggelgut bis an die Grenze lieferte.

Man kann gut in die Wohnzimmer der Häuser schauen, das ist witzig, findest du nicht? Die Leute sind ganz arglos, denn sie rechnen nicht damit, dass wir hier über den Gleiskörper rollen und alles sehen können. Ja, hättest du jetzt ein Opernglas, könntest du die Dramen des Alltags genauer studieren. Da läuft das Fernsehgerät. Wenn die Farben so rasch wechseln, schaut jemand einen der Privatsender, was meinst du?

tock tock tock

Die Frau dort bügelt. Er sitzt im Wohnzimmer, sie bügelt. Es kann eine harmonische Beziehung sein, vielleicht auch eine jahrelange emotionale Ödnis.

Kennst du eigentlich den Roman: Das Leben – Gebrauchsanweisung, von Georges Perec?

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Perec beschreibt ein großes Patrizierhaus in Paris. Darin gibt es 99 Wohneinheiten. Die Romanhandlung wandert im Rösselsprung von Wohnung zu Wohnung und erzählt die Geschichte der Bewohner. Dabei geht die Erzählung immer von einem Möbelstück oder einem Gegenstand in der jeweiligen Wohnung aus. Die Rahmenhandlung bildet die Geschichte von einem verschrobenen Millionär, der alle Häfen der Welt bereist, sie von einem Maler auf eine Holzplatte malen lässt, um sie anschließend in Puzzleteile zersägen zu lassen.

Doch ich dachte an die Geschichten der Menschen, die Perec sich ausgedacht hat. Wir können es ja eigentlich nicht anders, wir sehen, wie dort jemand den Vorhang zuzieht, doch was gleich im Zimmer passiert, ist unserer Phantasie überlassen.

Der Damm flacht sich ab, wir queren gleich erneut die Bundesstraße nach Trier. Das blüht uns noch öfter, denn wie gesagt, den Anstieg ins Hohe Venn überwinden wir in großen Schleifen.

Und vorne auf der Ecke gibt es einen Imbiss. Na, denen wird der Döner aus dem Gesicht fallen, wenn wir vorbeirollen.

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Du kannst ja einmal gnädig winken wie die Queen.

Eisen auf Eisen rollt sich ab – tocktock tocktock

Im Ort gilt an der Bundesstraße Tempo 30. Das kommt uns jetzt zugute, wir können rüber. Doch an den Sommerwochenenden stauen sich hier die Autos der Tagestouristen.

Gleich wird es einsam und finster, nimm lieber vorher einen Schluck Tee, damit du innerlich warm bist. Du fragst dich, warum es hier soviel Wald gibt, obwohl der Ortsname Rodung bedeutet? Diese Bäume sind erst später gepflanzt worden. Es wuchsen eigentlich keine Fichten hier. Das ist Nutzwald. Weiter oben im Venn hört er auf. Dort stehen überwiegend kleine Eichen und krüppelige Birken.

tock tock

Ach, gruselig findest du es heute gar nicht? Soll ich einmal anhalten, damit du die Geräusche der Nacht hörst? Wir können dann jedoch nicht rasch losfahren, falls dunkle Gestalten aus dem Unterholz treten, verblichene Schmuggler zum Beispiel, die bis zum jüngsten Tag einen Kaffeesack auf dem Buckel tragen müssen. Die Strecke steigt zu steil an.

„Wollt ihr einem alten Mann nicht einen Sack Kaffee abkaufen?“

Nein, danke, wir trinken nur Tee.

Da hat gar niemand gesprochen. Es ist der Wind gewesen, der durch die Föhren rauscht.
Ich weiß, das hört sich irgendwie nach Dr. Erika Fuchs an, wenn sie in ihren Donald-Duck-Comic-Übersetzungen poetische Sprache parodierte.

Übrigens, da wir gerade in Stimmung sind, will ich dir etwas von den fünf Fingern erzählen.

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Ich hab dir doch gestern von Maaseik berichtet. Oben am Rathaus sieht man das Stadtwappen. Es hat fünf Streifen. Man wisse nicht, was sie bedeuten, sagte damals der Fremdenführer, ein ganz in grün gekleideter Mann. „Fünf blutige Finger!“, habe ich da gesagt, denn mir war eingefallen, dass die Grafen von Merode aus unserer Gegend die gleichen Streifen im Wappen tragen.

Dir ist kalt. Ja, und nass ist der Regen also auch. Komm, duck dich mehr unter die Plane. Ich will dann etwas schneller fahren, damit du bald ins Warme kannst.

Tock tock
Tock tock

Ein Graf von Merode war einst Feldmarschall des Kaisers von Österreich. Einmal errang er mit seinen Truppen in einer blutigen Schlacht einen glorreichen Sieg über die Feinde. Der Kaiser, hocherfreut darüber, trat auf den Grafen zu und schlug ihm mit der blutbefleckten Hand auf die Schulter, so dass vier fingerbreite Blutstreifen auf dessen Waffenrock abgezeichnet waren. Seither führte der Graf von Merode die vier roten Streifen im Wappen.

Mir kann ruhig einer die blutige Hand auf die Schulter legen. Man sieht es doch nicht auf meinem schwarzen Mantel.

tock tock tock
tock tock
tock tock

Du bist wohl ein wenig eingeschlafen. Das ist auch besser so. Doch ich muss dich leider wecken, damit du nach Hause kannst. Wir rollen in die Waldsiedlung von Lammersdorf ein. Bitte Vorsicht an der Bahnsteigkante!

Jetzt bist du wieder fidel. Das wirft kein gutes Licht auf die Fahrt.

Kommst du morgen trotzdem noch einmal mit?

Vielleicht? Wenn eine Frau „vielleicht“ sagt, meint sie ja.

Warum unsere Fahrt unter dem Motto Intarsien stand? Na, es ist ein Spiel, das auch Journalisten manchmal spielen. Einer überlegt sich Wörter, und der andere muss sie so in seinem Text unterbringen, dass es niemandem auffällt. Das sind Intarsien.

Gute Nacht, meine Liebe

Lobe am Abend den Tag
(Spruchweisheit aus der Edda)

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