Abendbummel Online – Schlag mich mit dem Zeigestock

=> Heute habe ich mich von der Sonne verlocken lassen, eine Radtour zu machen. Es dauert ja eine Weile, bis der Kreislauf so recht in Schwung ist, und als ich seitlich am Lousberg vorbeigefahren war und die Abfahrt zum schönen Tal der Soers hinabtauchte, sind mir die Finger so gerade eben nicht abgefallen. Es war keine Freude, den Lenker zu halten, denn ich hatte dummerweise die Handschuhe vergessen. Erst als ich den Anstieg aus dem Aachener Kessel hinaus bewältigt hatte, bequemte sich auch das Blut in meine Finger zurück.

Auf der Kuppe oben liegt ein schönes altes Gut. Wer es sich leisten kann, kauft dort seine Kartoffeln.

„Kartoffel zu verkaufen“

heißt es auf dem Schild am Tor. Diese Unsicherheit beim Plural der „Kartoffel“ ist mir in der Gegend zwischen Aachen und Köln schon oft aufgefallen. Der Bauer Schmitz bietet treu „Kartoffeln“ an, sein Nachbar Schotten begnügt sich mit dem Verkauf der „Kartoffel“. Es ist mir jedoch noch nie zu Ohren gekommen, dass eine hungrige Familie wegen dieses Fehlers am Abend über einer einzigen Kartoffel gesessen hätte. Essensknappheit kommt gewiss in einigen großen Familien vor, doch diese Familien kaufen, so sie Geld dazu haben, die Kartoffeln bei ALDI im Plastiksack. Die Schreibweise ist also nicht ihr Problem. Überhaupt sind Schreibfehler kein wirkliches Problem, sondern sie werden von jenen, die das Sagen haben, zu Problemen gemacht.

Zum einen ist die Orthographie ein probates Selektionsinstrument. Ein Fehler in einem Bewerbungsschreiben reicht aus, den Bewerber auszusondern. In der Schule senkt ein gewisser Fehlerquotient die Note eines Aufsatzes, egal, er könnte auch von Goethe persönlich sein. Goethe würde heute nicht einmal mehr zu einem Bewerbungsgespräch vorgeladen.
Es gibt die Erkenntnis, dass gute Leistungen in Orthographie nicht unbedingt mit Intelligenz und Kreativität einhergehen. Doch in Deutschland hat die Rechtschreibung einen Stellenwert, den man nur mit latenter Obrigkeitshörigkeit erklären kann. Die amtliche Rechtschreibung gilt nur in Schulen und Behörden, doch die meisten Menschen buckeln darunter. Orthographie ist längst ein Herrschaftsinstrument.

Denn es sind natürlich nicht nur die Entscheidungsträger darauf fixiert, sondern die gebeutelten Lohnabhängigen in ihrer Demutshaltung auch.

=> Es ist wirklich seltsam. Wenn der Deutsche am Morgen aufsteht, kann er offenbar zunächst einmal gar nichts. Er schiebt die Füße in die Schluppen, wankt ins Bad, ist mit sich und der Welt nicht zufrieden, denn die Welt ist ach so verwirrend, das eigene Leben niemals so, wie man es gerne hätte, die eigene Verunsicherung und Ohnmacht wächst mit jedem Tag. Ich weiß nicht, ob es eine zuverlässige Beschreibung ist, doch wenn ich das Anwachsen der Ratgeber-Literatur in den Buchhandlungen sehe, beschleicht mich die Ahnung, dass nicht einmal der aufrechte Gang noch so richtig gekonnt wird; man braucht dazu nämlich zwei Stöcke.

Es ist egal, ob man sich von BILD, dem Zentralorgan der deutschen Dummbeutelkultur, die Welt erklären lässt oder sich die tägliche Bevormundungsdosis aus der F.A.Z. holt. Es reicht allemal nicht, und am Abend ist man nicht klüger als am Morgen. Was würden wir tun, wenn uns nicht alltäglich die selbsternannten Experten die Welt erklären würden?

=> Die selbsternannten Experten der Schriftsprache sind die Sprachpfleger. Es sind die Kleingärtner der Sprache, die den ganzen Tag hantieren, um aus einer Wiese einen Rasen zu machen. Sprachpfleger haben leider die unangenehme Eigenart, sich ständig in den Medien zu Wort zu melden. Weil sie Kleingärtner sind, schließen sie sich auch gern zu Vereinen zur Pflege der deutschen Sprache zusammen. Sie küren „Wörter“ und „Unwörter“ des Jahres, jagen Fremdwörter (es sind ja Ausländer) und einige von ihnen schreiben Bücher.

Heute Abend wird Bastian Sick in der Köln-Arena die größte Deutschstunde der Welt geben. Es ist ungefähr so, als würde der Deutsche Meister des Seifenkistenrennens uns die Straßenverkehrsordnung erklären. Sick hat vor seinem sagenhaften Aufstieg zur „Super Nanny in Stil und Grammatik“ im SPIEGEL Korrektur gelesen. Da war es auch wirklich nötig. Denn der Spiegel hat die Schriftsprache schon stets stark beeinflusst und das nicht zum Guten. Viel sagen, wenig ausdrücken, das ist der Spiegelstil. Der sachkundige Publizist Wolf Schneider nannte den SPIEGEL einmal „den obersten Verhunzer der deutschen Sprache“.

Doch es geht nicht um den Sprachstil des SPIEGELS und was ein Korrekturleser in den Texten seiner Kollegen mit Rot angestrichen hat. Es geht um das seltsamen Phänomen der öffentlichen Begeisterung über einen, der die lebendige Sprache seiner Mitbürger kämmt, föhnt und onduliert.

Warum sollte er das nicht tun?

„Jeder Deutsche, der sein Deutsch schlecht und recht weiß, d. h. ungelehret, darf sich (…) eine selbsteigene, lebendige Grammatik nennen und kühnlich alle Sprachmeisterregeln fahren lassen.“

Das schreibt Jacob Grimm in der Vorrede zur „Deutschen Grammatik“.

„Sprachunrichtigkeiten sind Zeichen des Lebens; die Sprachrichtigkeit aber ist das Zeichen der Krankheit, der Vorbote des Todes. Niemand kann sagen, was tadelloses richtiges Deutsch ist, wohl aber gibt es zweifellos richtiges ciceronianisches Latein“,

schreibt der Sprachphilosoph Fritz Mauthner.

Ja, denn Latein ist eine tote Sprache. Ihre erstarrte Version gilt heute als „richtiges“ Latein. Das Deutsche lebt jedoch. Und solange es lebt, muss es sich wandeln und den veränderten Bedingungen anpassen. Warum haben wir so viele englische Fremdwörter in unserer heutigen Sprache? Weil es notwendig ist. Die Globalisierung zwingt dazu. Doch was genau notwendig ist, wie der Anteil an englischen Fremdwörtern aussehen muss, entscheidet sich allein durch die sprachliche Alltagspraxis. Sprachliche Blüten wie übertrieben viele englische Fremdwörter verschwinden wieder. Der Globalisierungsdruck wächst rasch, die sprachliche Einsicht der Sprachgemeinschaft kommt nur langsam nach. Der Globalisierungsdruck und seine negativen Folgen sind das Problem. Die Sprache spiegelt die gesellschaftlichen Pobleme nur.

Es ist also unsinnig, über sprachliche Richtigkeit zu debattieren. Sprachpflege, wie sie heute betrieben wird, ist das pure Entertainment. „Zentrifugalbrummball“ (Georges Orwell). Es ist wie Kreuzworträtseln. Man kann dabei etwas lernen, doch es ist zu nichts richtig gut.

Zum Abschluss soll Jacob Grimm noch einmal sprechen:

„Alle grammatischen Ausnahmen scheinen mir Nachzügler alter Regeln, die noch hier und da zucken, oder Vorboten neuer Regeln, die über kurz oder lang einbrechen werden.“

Ach, übrigens, ich habe dann doch meine Radtour unter blauem Himmel sehr genossen. Ich habe es an den Zweigen der Bäume gesehen. Die Natur wartet auf Temperaturen über 10 Grad C. Sie will wachsen.

Meinetwegen kann es losgehen.

Guten Abend

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